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Milchbäuerin freut sich auf Merkel

ARD-Wahlarena Milchbäuerin freut sich auf Merkel

Das muss ihr mal eine Bäuerin nachmachen. Die Bundeskanzlerin im TV vor einem Millionenpublikum ins Stottern zu bringen und ihr dann das Versprechen für einen Besuch auf dem eigenen Hof abzuringen. Kein Problem für Ursula Treede. Hauptberuflich arbeitet die Landwirtin übrigens im Kieler Rathaus.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am 11.09.2017 in der ARD-Sendung Wahlarena.

Quelle: Daniel Reinhardt

Kiel. Ursula Treede (52) aus Nienborstel in Schleswig-Holstein arbeitet nicht nur hauptberuflich im Kieler Rathaus für den Stadtpräsidenten, sie war auch schon beim Papst, hatte einen Ministerpräsidenten zum Kaffee und kommt sympathisch rüber. Kein Wunder, dass sie bei ihrem Auftritt vor einer Woche in der ARD-Wahlarena punktete. 3,87 Millionen Zuschauer in ganz Deutschland verfolgten live die Sendung, in der Angela Merkel Bürgern Rede und Antwort stand. Als Ursula Treede ihre Frage stellen durfte, berichtete sie von der jüngsten Milchkrise, durch die ihr Betrieb mit jahrhundertealter Tradition „unendlich viel Geld verloren“ habe. Sie wollte von der Kanzlerin wissen: „Warum lassen Sie unsere Betriebe sterben?“ und forderte ein „Marktverantwortungsprogramm“.

Ein Marktvor..., Marktvorsorgeprogramm?, stotterte Merkel und gab zu, sich den Namen nicht gemerkt zu haben. Weil der Erklärungsbedarf noch immer groß war, lud die Bäuerin Merkel spontan auf ihren Hof ein. Nach der Sendung habe die Kanzlerin Ursula Treede persönlich aufgesucht, um sich Namen und Adresse zu notieren, berichtet die 52-Jährige und muss über ihren TV-Auftritt lachen. Viel Lob und Anerkennung habe sie hinterher dafür bekommen. Mit dieser ganzen Aufmerksamkeit hatte sie gar nicht gerechnet, als sie sich beim NDR um einen Platz in der Sendung bewarb. „Die Gelegenheit dann tatsächlich mit Frau Merkel zu sprechen war wie ein Sechser im Lotto.“

Doch bei aller Freude ist der Hintergrund natürlich bitterernst und könnte das Aus für ihren Betrieb bedeuten. 100.000 Euro Verlust, die nur durch einen Liquiditätskredit aufgefangen wurde, erlitten die Treedes innerhalb von zehn Monaten. „Und das war die dritte Krise in sechs Jahren.“ Zwar habe sich der Milchpreis jetzt stabilisiert, „aber wir wissen nicht, ob das so bleibt“. Die Hälfte aller Milchviehbetriebe habe aufgeben müssen. Ihr eigener konnte nur überleben, weil sie zuvor nicht groß investiert hatten. Und weil ihr Mann hauptberuflich den Betrieb mit 120 Milchkühen führt, während sie selbst im Kieler Rathaus arbeitet. Hier regelt sie für den Stadtpräsidenten Finanzen und Verwaltung. „Mein Mann sagt, ich bin die beste Kuh im Stall, weil ich diesen Job als Beamtin habe.“

In ihrem Büro gleich neben der Tür steht eine Tasche mit Milch und Eiern, mit denen sie einige Kollegen versorgt. „Aber es gibt natürlich auch etliche im Rathaus, die nichts von meiner Existenz als Bäuerin ahnen.“ Dass sie schon mit anderen Bauern des Verbandes deutscher Milchviehhalter (BDM) vom Papst auf dem Petersplatz empfangen wurde und Torsten Albig, als er noch Ministerpräsident war, zu Besuch hatte, wissen nur Eingeweihte. Nun konnte Treede ihre Botschaft vor einem Millionenpublikum vorbringen. Sie wünscht sich eine Änderung des Systems. Besagtes Marktverantwortungsprogramm ist übrigens ein Konzept des BDM, nach dem die Produktion der Milch bei Angebotsüberschuss reguliert werde, damit Bauern sie nicht zu Schleuderpreisen abgeben müssen. Ob die Bundeskanzlerin das Programm unterstützen wird, bleibt nach der Sendung sehr fraglich. Bisher habe sie Merkel nicht gewählt, sagt Treede, „weil sie uns nicht geholfen hat“. Aber beim Auftritt in der Wahlarena hat ihr einiges an der Kanzlerin gefallen, etwa dass sie bei einer anderen Sachfrage Fehleinschätzungen zugegeben und ihre Haltung korrigiert habe.

Das lässt Treede hoffen. Trotzdem wisse sie noch nicht, wen sie wählen werde, sagt sie. Aber eins steht fest: Wenn Merkel nach der Wahl zu Besuch nach Nienborstel mitten in Schleswig-Holstein kommt, nützt sie der Landwirtin nur, wenn sie dann immer noch Frau Bundeskanzlerin ist.

Martin Schulz in der Wahlarena

Am Montagabend um 20.15 Uhr tritt SPD-Kanzlerkandidat in der ARD-Wahlarena auf. Gedreht wird die Sendung in Lübeck.

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Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

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