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Besuch einer politischen Reizfigur

Beatrix von Storch Besuch einer politischen Reizfigur

In Kiel, unweit ihrer alten Heimatgemeinde im Kreis Segeberg, wurde die stellvertretende AfD-Vorsitzende Beatrix von Storch am Freitagabend lautstark von rund 400 Protestierenden empfangen.

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Rund 400 Demonstranten gingen gegen den Auftritt Beatrix von Storchs in Kiel auf die Straße.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Erst der Brexit, dann die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten – von Storch erfuhr jüngst mächtigen Rückenwind für ihren politischen Kurs.  Als sie um 19.20 Uhr vor etwa 80 Anhängern in der AfD-Kreisgeschäftsstelle ihren Vortrag zum Thema „Die Macht der EU – die Ohnmacht Deutschlands?“ begann, sprang aus dem Publikum eine Zuhörerin auf und bewarf die Europaabgeordnete mit einem Stück Sahnetorte und Rasierschaum. Die Frau, die sich zuvor als interessierte Jungwählerin ausgegeben hatte, wurde sofort von Sicherheitskräften überwältigt. Von Storchs Worte zu dem Zwischenfall: „Wer keine Worte hat, der greift Menschen an.“

Die Polizei hatte laut Pressesprecher Oliver Pohl mit maximal der Hälfte der Demonstranten verschiedener linker Gruppierungen gerechnet, auch mit gewaltbereiten Autonomen. Sie war mit 50 Beamten im Einsatz und sperrte den Bereich um die AfD-Geschäftsstelle im Walkerdamm ab. Auch die AfD kontrollierte im Eingang ihre Besucher, sodass der Abend bis auf den einen Zwischenfall friedlich verlief.

Das sind die Bilder zum Auftritt der AfD-Politikerin Beatrix von Storch in Kiel und der Demonstration dagegen.

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Während draußen in der Kälte die Protestler „Der Storch bringt die Kinder, die Storch bringt sie um“ skandierten und ihre Transparente mit Wortspielen wie „Geflügelpest Sperrgebiet“ und „Storch ich könnte reihern“ hochhielten, berichtete die AfD-Vizechefin drinnen von ihren Erfahrungen im EU-Parlament. Dort hat von Storch seit zwei Jahren einen Sitz. Unter ihren Kieler AfD-Sympathisanten waren vom Schüler bis zum Rentner alle Altersgruppen vertreten – aber auffallend wenige Frauen. „Es wären sicherlich noch mehr Zuhörer gekommen“, vermutete Sören Boigs, Schatzmeister des Kreisverbandes. „Wir finden aber in ganz Kiel keinen Saal zur Miete, weil die Wirte bedroht werden. Sie müssen mit Beschädigungen, Störungen und Kundenverlust rechnen.“ Dieser Zustand sei intolerant, antidemokratisch und nicht akzeptabel, befand Beatrix von Storch. Nach eigenen Worten hätte sie gern die Auseinandersetzung gesucht: „Ich wollte sogar rausgehen und diskutieren, aber meine Sicherheitskräfte rieten ab.“

Von Storch stammt aus Schleswig-Holstein

Ihre Sorgen, die Ängste der Wirte und vielleicht einiger Interessierter, die sich – wie Boigs vermutet – womöglich nicht trauten, zu kommen, sind nicht unberechtigt: Noch Anfang der Woche demonstrierten bei einem Vortrag des AfD-Bundesvorstandsmitglieds Julian Flak nur wenige Dutzend friedlich vor der Tür der Kieler Geschäftsstelle. Nun war der Protest größer. Denn von Storch gilt als absolute Reizfigur, sie zählt zu den bekanntesten und umstrittensten Vertretern der AfD. Seit 2014 ist sie Mitglied des Europäischen Parlaments und seit Mitte 2015 stellvertretende Bundesvorsitzende. Geboren wurde sie in Lübeck, sie ging in Kaltenkirchen zur Schule und stammt aus dem Haus Oldenburg, das bis 1918 Hochadelsprivilegien genoss. Nach der Hochzeit nahm sie den Namen ihres Mannes Sven an, mit dem sie in Berlin lebt. Seit der Zeit ihres Jurastudiums kämpft die Adlige gegen Abtreibung und gegen die Gleichstellung von Mann und Frau. Sie fordert die Wiedereinführung der D-Mark und den Rückbau der EU hin „zu dem, was sie mal war, nämlich ein Bündnis souveräner Staaten. Der Zug, der jetzt unterwegs ist, eine immer enger werdende Union, das wollen wir nicht“, sagte sie den Kielern. Und sie erklärte ihre Forderung durch ihre Erfahrungen im EU-Parlament: „Meine Vorurteile, die ich diesem Parlament gegenüber hatte, haben sich alle bestätigt: Es sind keine Debatten möglich, sondern es werden Statements abgegeben in der Regel vor leeren Tribünen mit vielleicht 15 oder 20 Abgeordneten – von 750.“

Anfang des Jahres war sie mit Aussagen zum Gebrauch von Schusswaffen gegen Flüchtlinge an den Grenzen in die Kritik geraten. Eine Kielerin wünschte sich, dass von Storch die Aussage, auch Frauen und Kinder sollten mit Waffen zurückgehalten werden, zurücknehme. Doch von Storch ging auf dieses Thema nicht ein. Überhaupt ließ sie den Abend entspannt ausklingen. Sie fuhr in ihre Heimatgemeinde zu ihren Eltern. Nur 70 Kilometer entfernt.

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Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

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