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Was im Sophienhof geschah

Afghane schildert Tathergang Was im Sophienhof geschah

Auf seinen ersten Besuch im Kieler Sophienhof hatte sich Obeydallah A. gefreut. Am 25. Februar fuhr der 26-Jährige aus Felde gemeinsam mit dem minderjährigen Bruder Javid (15) sowie seinem Cousin Bahridin (19) mit der Bahn nach Kiel. Was dann geschah, schilderte er den Kieler Nachrichten mit Hilfe eines Übersetzers.

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Quelle: Torsten Müller

Kiel/Felde.  „Zunächst besuchten wir Drei den afghanischen Einzelhandel im Sophienblatt. Dort lernten wir einen anderen jungen Afghanen aus Husum kennen. Zu viert schlenderten wir anschließend durch den Sophienhof. Alles war friedlich. Als wir uns in Dari, unserer Landessprache, unterhielten, wurden wir schließlich von zwei weiteren Jugendlichen angesprochen. Diese jungen Afghanen lebten bereits seit etwa zwei Jahren in Kiel-Gaarden und haben schon Deutsch gesprochen.

 Zu sechst nahmen wir im ersten Stock im Sitzbereich eines Döner-Imbisses Platz. Zwei, drei Tische weiter saßen bereits drei Mädchen. Einer der beiden Jugendlichen aus Gaarden trug einen Ziegenbart und baggerte gezielt eines der drei Mädchen an: ,Ich liebe dich, setz dich zu uns.’ Und er sagte: ,Ich will dich küssen.’ Das Mädchen war empört und reagierte harsch abwehrend; schnell eskalierte der verbale Streit. Ein junger Mann am Nachbartisch war offenbar besorgt und verständigte über sein Handy die Polizei.“

  Anmerkung der Redaktion: Die Kieler Staatsanwaltschaft bestätigte am Freitag den Kieler Nachrichten, dass es in den Ermittlungen gegen die beiden Haupttäter nur noch um „verbale Belästigungen“ und Gesten geht. Für körperliche Übergriffe gegen die Mädchen gebe es keine Anhaltspunkte. Der ursprüngliche Verdacht, dass die Afghanen die Mädchen gefilmt und diese Aufnahmen möglicherweise über soziale Netzwerke verbreitet haben, wurde von den Behörden bereits Anfang dieses Monats ausgeräumt.

 „Noch vor den Beamten erschien der Sicherheitsdienst des Centers. Da hatten sich die beiden Afghanen aus Gaarden bereits vorübergehend aus dem Staub gemacht. Als die Polizei an den Tisch zu uns stürmte, versicherten die Mädchen, dass wir nicht die Täter seien. Die Beamten verlangten dennoch, dass wir uns ausweisen. Mein Cousin und ich wollten die Papiere aber nicht herausgeben: Wir hatten Angst. Die Polizei machte uns klar, dass wir zur Feststellung der Personalien mit aufs Revier müssen.

 Plötzlich erkannte ein Mädchen, dass sich unter den zahlreichen Schaulustigen, die sich mittlerweile eingefunden hatten, auch die beiden Flüchtigen befanden. Als die Polizei versuchte, die beiden festzunehmen, widersetzten sie sich und beleidigten die Beamten. Schließlich stellten Ordnungskräfte die beiden an die Wand und legten ihnen Handschellen an.

 Mein Cousin und ich wurden zur Feststellung der Personalien zum zweiten Revier in die Falckstraße gebracht – mein kleiner Bruder und der Husumer nicht: Die Minderjährigen hatten sich ausgewiesen. Auf der Wache zeigten wir unsere Personalpapiere. Die Polizei machte Aufnahmen von mir; zudem musste ich die Täter auf Polizeifotos identifizieren.“

  Die Schilderung des Afghanen deckt sich weitgehend mit den bisherigen Ermittlungsergebnissen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft waren der mittlerweile entlastete 19- und der 26-jährige Afghane aus Felde lediglich 20 Minuten auf dem Revier in der Falckstraße. Weil sich die beiden 17-jährigen Hauptverdächtigen widersetzten und die Beamten massiv beleidigten, wurden die Afghanen zuvor getrennt. Die mutmaßlichen Täter kamen zur weiteren Vernehmung direkt in Polizeigewahrsam in die Gartenstraße, wo sie die Nacht verbrachten. Die Afghanen aus Felde waren durchgehend kooperativ und haben sich gegenüber den Sicherheitskräften unauffällig verhalten.

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Ein Artikel von
Torsten Müller
Redaktion Holsteiner Zeitung

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Leitartikel

Über die Geschichte wollte eigentlich niemand mehr so gern sprechen. Zwei Monate, nachdem eine Mitteilung der Kieler Polizei erst alle Redaktionen der Republik und dann die gesamte Öffentlichkeit in helle Aufregung versetzt hat, hätten viele den Fall Sophienhof gern abgeschlossen.

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