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Grünkultur macht Gärten ohne Gärtner

Alte Mu Kiel Grünkultur macht Gärten ohne Gärtner

Unter dem Namen Grünkultur bepflanzt der 28-Jährige Mathias Semling seit drei Jahren Beete auf dem ehemaligen Gelände der Muthesius-Kunsthochschule am Lorentzendamm. Neben ihm verwirklichen sich hier 120 Kreative in 30 Projekten, Initiativen und Kleinunternehmen. Das Projekt soll Schule machen.

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Mathias Semling (28) erntet Pflücksalat. Das Hügelbeet wurde aus verschiedenen nährstoffreichen Schichten wie Erde, Laub und Grünschnitt aufgeschichtet und bringt dem Gärtner 20 Prozent mehr Fläche.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Die Mittagssonne steht hoch am Himmel über der Alten Mu. Optimales Wetter für Mathias Semling, der das tut, was Gärtner lieben: Er buddelt in der Erde. Mit einer Schubkarre fährt er den wertvollen Humus zu einer frisch angelegten Kräuterspirale.

Das sind die Bilder der modernen Gärten von Grünkultur.

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Zwar liebt er das Gärtnern, und doch verfolgt der Student eine Methode, die den Gärtner fast überflüssig machen könnte und noch dazu wenig kostet: die Permakultur. „Viele Leute sehen es als Ideologie an, ich verstehe Permakultur als eine Möglichkeit, verschiedene Probleme gleichzeitig zu lösen.“ Dabei werde der Garten als Kreislauf betrachtet, in dem die Elemente so eingesetzt würden, dass sie sich gegenseitig begünstigten. „Alles, was im Garten entsteht, wird genutzt, daher gibt es keinen Müll, und es muss nichts extern hinzugefügt werden“. Das Laub eines Baumes beispielsweise werde nicht in der Biomülltonne entsorgt, sondern als Düngung integriert, könne aber auch als Erde oder Mulch zum Einsatz kommen. Letzteres führe wieder dazu, dass weniger Unkraut wachse, wodurch man sich Arbeit erspare.

Düngemittel werden langfristig knapp

„Es ist auch Quatsch, Dünger zu kaufen, wenn man sie bereits im Garten hat.“ Überhaupt Düngemittel. „Es wird knapp. Die Phosphatressourcen der Erde sind eher erschöpft als Erdöl, und der Dünger wird immer teurer“, so Semling. Auch Pflanzenschutzmittel sieht er kritisch: „Sie führen doch nur zu Problemen und zum Aussterben von Tierarten.“ In seinen Augen sind sie noch dazu völlig unnötig, denn es gebe reichlich natürliche Alternativen, nicht zuletzt die Brennesseljauche, die nicht nur ein Mittel gegen Schädlinge sei, sondern gleichzeitig ein guter Dünger.

Semling spricht aus Erfahrung. Er hat den Beruf des Gärtners gelernt und als Geselle gearbeitet – im Botanischen Garten der Universität in Kiel. Seit 2013 studiert er Permakultur-Design im Fernstudium an einer Akademie in Berlin, und seit 2014 gärtnert er nach den nachhaltigen Prinzipien der Permakultur auf mehreren Flächen der Alten Mu. Zusammen mit drei Frauen, die gerade ihr Studium an der Muthesius-Kunsthochschule im Fach Raumstrategien abgeschlossen haben, verfolgt Semling unter dem Namen Grünkultur außerdem die Idee, verschiedene öffentliche und private Gärten in Kiel miteinander zu vernetzen. Das Ziel: „Material, Wissen und Helfer stehen im stetigen Austausch. Menschen verschiedener Generationen und Kulturen lernen voneinander, und so beginnt kulturelles Wachstum.“

Grünes kann überall angesiedelt sein

Die grünen Stationen könnten in Schulen oder Kitas angesiedelt sein, aber auch in Altenheimen, Flüchtlingsunterkünften oder Unternehmen, sagt Semling. Er träumt von urbanen Biotopen, von städtischen Waldgärten, Hoch- und Hügelbeeten – voll mit Gemüsepflanzen, Obstbäumen, Kräutern, Zierpflanzen. Viel Platz brauche es dafür nicht unbedingt: Auch vertikale Gärten lassen sich an Gebäuden nach seiner Erfahrung leicht realisieren. An einer Hauswand der Alten Mu zeigt der Kieler, wie das funktioniert: Ausgediente Europaletten, durch Folie und einen Luftschacht von den Backsteinen getrennt, beherbergen einen porösen Schlauch für die Bewässerung und Erde. Darin stecken Erdbeer-, Tomaten- und Salatpflanzen und recken sich der Mittagssonne entgegen. Auch wenn Semlings Urban-Gardening-Netzwerk nur theoretisch existiert, hier in der Alten Mu kann schon bald geerntet werden.

Weitere Infos unter www.grünkultur-kiel.de

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