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Für sie geht es nur noch ums Sparen

Altersarmut Für sie geht es nur noch ums Sparen

Eines stellen Heidrun und Klaus Bornau gleich klar: „Vielen geht es noch schlechter als uns, auch in Kiel.“ Das Ehepaar in der 43-Quadratmeter-Wohnung in Ellerbek will nicht jammern, sondern aufrütteln.

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Heidrun (73) und Klaus (80) Bornau müssen über jeden Cent, den sie ausgeben, Buch führen.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. „Es wird immer von der reichen Rentnergeneration gesprochen. Ja, es gibt viele wohlhabende Rentner und vor allem Pensionäre. Aber viele müssen im Alter auch jeden Tag knapsen. Und es werden immer mehr.“

Klaus Bornau trägt im Mai den dicken Wollpullover. Die Heizung ist ausgestellt. Sparen wo möglich – dass das ihr Leben im Alter prägen wird, haben sich Heidrun (73) und Klaus Bornau (80) nicht träumen lassen. Denn die beiden haben viel geschaffen – für die Gesellschaft und den Generationenvertrag. Klaus Bornau ist gelernter Cottonwirker, hat lange bei der Strumpffabrik Tilly gearbeitet. Dort hat er auch seine Frau kennengelernt, die die Damenstrümpfe kontrollierte – erst die mit Naht, später die ohne Naht. „Ich habe nie eine Ausbildung gemacht. Das war der erste Fehler“, sagt die Kielerin heute. Sie wäre so gerne Kinderkrankenschwester geworden. Doch die Mutter wollte die Ausbildung nicht bezahlen. „Du heiratest doch sowieso, hat sie gesagt und verlangt, dass ich nach der Schule sofort Geld verdiene.“

1964 heiraten Klaus und Heidrun. Als das erste Kind kommt, muss sie ihre Stelle aufgeben. Es gibt keine bezahlbare Kinderbetreuung. Zwei weitere Kinder folgen. Heidrun sorgt für Haushalt und Kinder. Und weil das Geld knapp ist, hilft sie, wann immer möglich, stundenweise in anderen Haushalten. Schwarz. „Anders bekam man ja gar keine Stelle. Das war der zweite Fehler, und den bereue ich heute am meisten. Meiner Tochter habe ich später eingetrichtert: Mach nie etwas ohne Steuerkarte!“

Sobald das jüngste Kind alleine zurechtkommt, sucht sich Heidrun wieder einen Vollzeitjob. Drei Kinder, das kostet. Auch wenn man sich nie ein Auto leisten kann, möchte man doch auch mal in Urlaub fahren. Das geht aber auch nur Ende der 80er, weil Heidrun nach der Familienphase wieder Vollzeit arbeitet – als Hauswirtschaftshilfe in einem Pflegeheim. „Ich wollte immer voll arbeiten, aber wir wurden irgendwann auf Teilzeit gesetzt. Erst musste ich auf 23 Stunden, dann auf 19 reduzieren.“ Das spürt sie bis heute: 340 Euro Rente bekommt sie.

Auch ihr Mann muss sich umstellen, denn die Strumpffabrik macht dicht. In seinem Beruf gibt es keine andere Stelle. Nach Arbeit auf See und bei einer Büromöbelfirma findet der Familienvater irgendwann eine Stelle bei Ibak in Kiel. Dort kann er bis zur Rente bleiben. Anschließend betreut er dreieinhalb Jahre zwei Enkelkinder, damit ihre Mutter arbeiten und ihr Vater den Meister machen kann. Für seine 42 Jahre Erwerbsarbeit bekommt Klaus Bornau heute 1100 Euro Rente. Das ist ziemlich genau die durchschnittliche Altersrente für Männer.

„Wir haben noch Glück, dass wir zusammen sind. So ging es mit der Rente zuerst auch noch ganz gut. Aber es wird immer schwieriger, mit dem Geld auszukommen, weil seit Jahren alles so viel teurer wird.“ Für die warme Wohnung zahlen sie allein 400 Euro. Insgesamt, so rechnen sie vor, haben sie gut 800 Euro an Fixkosten. 200 Euro müssen sie allein für einen Kredit abzahlen – aufgenommen vor vielen Jahren, um allen drei Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen.

Immer wieder hat das Paar die Kosten reduziert. „Essengehen ist nicht drin. Für Feierlichkeiten muss lange gespart werden. Aber auf bestimmte Dinge wie die Zeitung oder das Skatspielen mit Freunden wollen wir nicht verzichten. Sonst sind wir sozial ja ganz abgehängt“, sagt der 80-Jährige. „Ich finde es schon ungerecht. Der Staat belohnt es nicht, dass man gearbeitet hat, drei Kinder in ordentliche Berufe gebracht hat, dass fünf Enkel für künftige Renten sorgen.“ Und seine Frau, die sich ehrenamtlich bei Awo und der Gewerkschaft engagiert, sieht durch das sinkende Rentenniveau eine wahre Welle von Altersarmut auf Deutschland zurollen. Das will sie auch sagen, wenn sie am Mittwoch um 16 Uhr ins Rathaus geht. Dort lädt die SPD-Ratsfraktion zur öffentlichen Diskussion. Titel: „Wir müssen reden: Altersarmut in Kiel“. Der Eintritt zur Veranstaltung ist frei.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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