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Angehörigenhilfe bei Essstörungen Gemeinsam durch dick und dünn

Essstörungen sind in unserer Gesellschaft und in Kiel weit verbreitet. Eine neue Gruppe für Eltern und Angehörige von Kindern und Jugendlichen soll jetzt in Kiel Ansprechpartner und Hilfe bieten.

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„Hunger, der aus der Seele oder dem Gehirn kommt, ist stillbar“: Brigitte Harbering (links) und Kirsten König wollen Angehörigen mit der neuen Gruppe Tipps geben und einen Austausch ermöglichen.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. In unserer Gesellschaft tut sich gerade so einiges. Das bekommt auch Brigitte Harbering seit geraumer Zeit hautnah mit. Die 50-jährige studierte Theologin arbeitet in der Kieler Selbsthilfekontaktstelle (Kibis). Immer wieder klingelt ihr Telefon. Am Apparat sind verzweifelte Mütter, die dringend Hilfe suchen, weil ihre Töchter – selten sind es die Söhne – ein Problem mit dem Essen haben. „Das Thema Essstörungen wird immer mehr und zieht sich durch alle Schichten“, sagt sie. „Nur leider konnten wir den Eltern bisher nicht professionell helfen. Es fehlte an Geld und Personal.“ Kurzerhand stellte sie zusammen mit Kollegin Kirsten König einen Antrag beim Land auf Förderung. Nun stehen mehr als 7000 Euro zur Verfügung. Noch in diesem Monat soll ein neues Projekt starten – eine Gruppe für Eltern und Angehörige (GEA) von Kindern und Jugendlichen, die ein auffälliges Essverhalten zeigen.

 „Sobald die Kinder in die Pubertät kommen, fangen oft die Probleme an“, sagt Kirsten König. „Unser gesellschaftliches und privates Leben wird immer unruhiger und instabiler, der Leistungsdruck immer größer. Und da merken diese jungen Menschen, dass sie das Essen und ihren Körper als einziges unter Kontrolle haben. Sind sie sonst machtlos, haben sie nun Macht über sich selbst und über das Essen. Das ist für viele ein Schlüsselerlebnis, um Gefühle regulieren zu können.“ Doch leider sei das ein Trugschluss, denn Menschen mit Essstörungen verlören nach und nach jegliche Kontrolle über ihr Verhalten. Das Denken kreise nur noch um das Essen und die Figur. Die 54-jährige pädagogische Fachkraft arbeitet bei „Luna ambulant“, einer Einrichtung für Frauen mit Persönlichkeitsstörungen, die sich insbesondere auch durch Essstörungen äußern. Doch bisher bekamen in dieser Einrichtung nur Betroffene ab 18 Jahren Hilfe. Auch dort riefen Eltern an und mussten abgewiesen werden, weil ihre Einrichtung nicht für Angehörige, sondern nur für erwachsene Betroffene zuständig ist. „Dabei brauchen die Familienmitglieder genauso Hilfe wie die Betroffenen selbst.“

 Kirsten König weiß, wovon sie spricht. In ihrem eigenen Familienkreis sind Essstörungen auch Thema. Sie weiß, wie es ist, wenn sich alles ums Essen dreht. Wenn das gesamte Familiensystem ins Wanken gerät. Wenn nur noch geguckt wird, was, wann und wie viel gegessen wird. Zu viel oder zu wenig essen, ob Magersucht oder Übergewicht – beides Mal „verlieren die Betroffenen das Gefühl für sich selbst“, sagt sie. „Die eigene Wahrnehmung ist verzerrt.“

Mittelmaß ist verloren gegangen

 Erstaunt haben Kirsten König und Kollegin Brigitte Harbering beobachtet, dass mit den Jahren anscheinend das normale Mittelmaß verloren gegangen sei. „Es gibt entweder extrem dünne Menschen oder extrem dicke“, sagt Brigitte Harbering. Und extrem dünn seien häufig junge, sehr erfolgreiche Mädchen und Frauen, denen alles „mühelos“ zu gelingen scheint, fügt Kirsten König hinzu. „Jede Art von Essstörung ist ein Aufmerksamkeitsthema. Die Betroffenen zeigen: Hier stimmt etwas nicht – mit dem Familiensystem, mit meinem Umfeld und dadurch mit mir. Dahinter steckt oftmals eine verletzte Seele, die noch nicht gelernt hat, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.“ Es ginge darum, Gefühle und Konflikte auszuhalten, Bedürfnisse und eigene Wünsche zu erkennen. „Sich aber auch so zu nehmen, wie man ist und nicht wie andere einen gerne hätten", so König. „Hunger, der aus der Seele oder dem Gehirn kommt, ist stillbar."

 Mit dem neuen Projekt soll es für die Eltern und Angehörige Tipps und Austausch geben, wie man das Leben mit einer Essstörung meistern kann. „Wir wollen Wege und Unterstützung aufzeigen, damit das Leiden nicht zu einer langen Odyssee wird und Angehörige und somit auch Betroffene zeitig umsetzbare und schnelle Hilfe bekommen. „Eine Hilfe kann sein, das Essen nicht mehr zu thematisieren“, sagt die Kielerin Kirsten König. „Loslassen schafft Erfolge.“ Sie selbst weiß, dass das viel, viel leichter klingt, als es ist. „Ziel unserer Angehörigengruppe ist die Erlangung von mehr Sicherheit im Umgang mit Betroffenen, sowie die Vermeidung einer ungewollten Verstärkung der Symptomatik.“

 Wer Interesse an der Angehörigengruppe hat, kann sich bei Kirsten König bei Luna ambulant, Kirchhofallee 31, Tel. 0157/54099668 anmelden. Das Angebot ist kostenfrei. Einzelgespräche sowie eine telefonische Beratung sind unter dieser Nummer ebenfalls möglich. Informationen gibt es auch im Internet unter www.luna-ambulant.de

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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