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Angeklagter flüchtet nach 370 Sitzungstagen

Prozess in Kiel Angeklagter flüchtet nach 370 Sitzungstagen

Es ist der bundesweit längste Strafprozess aller Zeiten: Im September geht am Kieler Landgericht die Hautverhandlung um die mutmaßliche Millionenabzocke mit teuren Flirt-SMS ins siebte Jahr. Spaß macht der Marathon mit bisher 370 Sitzungstagen keinem mehr. Nun wollte sich einer der drei Angeklagten absetzen. Fahnder jedoch nahmen den Flüchtigen am Frankfurter Flughafen fest.

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Ein Angeklagter im Prozess um möglicherweise betrügerische Flirt-SMS sitzt jetzt in Haft.

Quelle: dpa

Kiel. Die 6. Wirtschaftsstrafkammer unter Richter Gunther Döhring wartete am Dienstag vergeblich auf den ehemaligen Geschäftsführer eines Chatanbieters für Partnersuchende. Der 38-Jährige hatte sich am Morgen krank gemeldet, konnte jedoch kein amtsärztliches Attest vorweisen. Um die Weiterverhandlung am 28. Juli zu sichern, erließ die Kammer Haftbefehl, bestätigte am Donnerstag Gerichtssprecherin Rebekka Kleine auf Nachfrage. Mindestens solange bleibt der Abtrünnige in U-Haft.

Ein Platzen des zeitaufwändigsten und teuersten Prozesses der deutschen Justiz bedeutete für das Landgericht den Mega-Gau. Seit sechs Jahren bindet der überdimensionierte Verhandlungsstoff weitgehend die Arbeitskraft von drei Berufsrichtern. Würde der Prozess ausgesetzt, hieße das: alles noch einmal von vorne.

Alles, das heißt laut Staatsanwaltschaft: 700 000 Geschädigte ließen sich seit Juli 2005 von Lockangeboten wie „Süße Sie, 28, sucht Dich!“ zu unzähligen kostenpflichtigen SMS mit angeblich Kontaktsuchenden animieren. 46 Millionen Euro sollen die Angeklagten aus der Sehnsucht ihrer Kunden nach Kontakt, Liebe und Sex herausgeschlagen haben. Namentlich benannt sind nur 53 Dauer-Chatter. Ihre Telefonrechnungen nahmen alptraumhafte Dimensionen bis zu 23 000 Euro an.

Zwar könnte die Kammer laut der Strafprozessordnung auch in Abwesenheit eines Angeklagten weiterverhandeln, ja sogar ein Urteil sprechen. Dies sei jedoch nur unter engen Voraussetzungen und auf Kosten der Revisionsfestigkeit der Entscheidung möglich, relativiert Gerichtssprecherin Kleine.

Noch eine weitere Gefahr droht dem Prozess: Die fünfköpfige Kammer muss in ihrer aktuellen Besetzung bis zum bitteren Ende durchhalten. Zwei Ergänzungsschöffen, die von Anfang an auf der Ersatzbank zuhörten, mussten bereits einspringen: Einen Laienrichter hat die Verteidigung wegen Befangenheit vom Platz verwiesen, der andere ist verstorben.

Die beiden Vertreterinnen der Staatsanwaltschaft wurden bereits im zweiten Prozessjahr ausgetauscht. Bei der Kammer ist dagegen kein Wechsel mehr möglich. An der Gesundheit des Gerichts hängt somit Wohl und Wehe des Verfahrens.

Der Druck eines kontrovers geführten Mammutprozesses kann ohne Zweifel auf Dauer krank machen. Da darf man beruhigt sein, dass sich die Kontrahenten nach einem turbulenten Prozessauftakt mit gegenseitigen Beschuldigungen in vergifteter Atmosphäre längst auf einen ruhigen und sachlichen Umgangston geeinigt haben.

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