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Neue Regelungen sorgen für Probleme

Anwesenheitspflicht CAU Neue Regelungen sorgen für Probleme

Versteckt im Paragraf 52 Absatz 12 des neuen Hochschulgesetzes steht eine Vorschrift, die an der Kieler Uni für mächtig Wirbel gesorgt hat. Grundsätzlich hebt die Novelle die Anwesenheitspflicht auf. Studierende sollen selbst entscheiden, an welchen Lehrveranstaltungen sie teilnehmen.

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Der Thementag endete mit einer Podiumsdiskussion im Audimax: In der Runde bei Boris Pawlowski nahmen (von links) die Politikerin Anke Erdmann, Prof. Ilka Parchmann, Student Tilmann Schade und Prof. Timo Reuvekamp-Felber platz.

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Kiel. Gleichzeitig lässt die Vorschrift Ausnahmen zu, sodass sich die Frage stellt, wie praxistauglich der Gesetzestext ist. An der Christian-Albrechts-Universität wurde deswegen den ganzen Donnerstag über – in den Seminaren und auch an Ständen vor den Mensen – debattiert, was eine gute Lehre ausmacht. Zum Abschluss gab es am Abend eine Podiumsdiskussion im Audimax.

Dass sich an der Neuregelung nach wie vor auch im Landtag die Geister scheiden, machten zum Auftakt Martin Habersaat (SPD) und Christopher Vogt (FDP) deutlich. Während Vogt bedauerte, dass die Vorschrift überraschend in den finalen Gesetzestext eingefügt wurde, sprach Habersaat davon, dass der in diese Richtung gehende Wunsch vieler Studenten erst im Laufe des Anhörungsverfahrens deutlich geworden sei. „Das Motto ,Dreimal fehlen und du bist raus’ ist keines, was einer Hochschule würdig ist“, begründete er die Regierungslinie und gab sich zuversichtlich: „Die CAU wird auch ohne Anwesenheitspflicht die nächsten 350 Jahre bestehen.“ Vogt entgegnete, dass er als Liberaler selbstständiges Lernen nicht für verkehrt halte: „Wir haben aber einen Ansatz, der es den Hochschulen frei lässt, zu entscheiden, für welche Veranstaltungen es sinnvoll ist, eine Anwesenheitspflicht beizubehalten.“

In diese Kerbe schlug auch Prof. Ilka Parchmann, Vizepräsidentin der CAU, die bedauerte: „Uns traut man diese Entscheidung nicht zu, den Studierenden aber schon.“ Jüngst habe sie bei einem Besuch in Schweden erfahren, dass dort jeder Dozent festlege, ob es eine Anwesenheitspflicht gibt. „Damit könnte ich gut leben“, sagte sie. Möglicherweise lässt das neue Gesetz genau dies zu, indem etwa Lehrende ihre bisherigen Seminare in praktische Übungen umwidmen, für die die Novelle nämlich Anwesenheitslisten zulässt.

Umgesetzt werden soll die Neureglungen zum Wintersemester. Bis dahin muss die CAU nach eigenen Angaben rund 5000 Module überprüfen und möglicherweise bis zu 3000 Prüfungsordnungen anpassen. Angesichts dessen hält Prof. Timo Reuvekamp-Felber, der mittelalterliches Deutsch lehrt, die Übergangsfrist für viel zu kurz. „Basisdemokratische Diskussionen brauchen Zeit“, rief er der Grünen-Politikerin Anke Erdmann zu, die als Vorsitzende des Bildungsausschusses auf dem Podium saß. Kurzum, er hält Paragraf 52 Absatz 12 für grundlegend misslungen: „Wir werden mir höheren Durchfallquoten und Abbrecherquoten zu leben haben“, warnte er. Im Zuge des Bologna-Prozesses sei das Studium verschult worden und ein neuer Typus von „verantwortungsschwächeren Studierenden“ an die Hochschulen gekommen, den die Politik nun hängen lasse. Das jetzt zu erwartende Fernbleiben von Studenten werde die Lehre schwieriger machen und für Frust sowohl bei Dozenten als auch Studenten sorgen.

Dem hielt der Theologiestudent Tilmann Schade als Vertreter des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta) entgegen, dass die allermeisten Lehrveranstaltungen gut seien: „Es wird ein tolles Angebot gemacht“, sagte er, „aber wie ich lerne, das ist meine Sache.“ Da sich ein Studierender für eine Fach entschieden habe, für das er brenne, seien leergefegte Hörsäle und Seminarräume höchst unwahrscheinlich. Dem schloss sich Erdmann an, die betonte wie unstrittig es sei, dass die physische Anwesenheit in der Uni notwendig ist. Als ein Misstrauensvotum gegenüber den Lehrenden wollte sie die Neureglung dann auch nicht verstanden wissen: „Es geht um eine Abwägung“, sagte sie. Die Gründe, den Studierenden die Teilnahme freizustellen, überwögen. „Selbstorganisation ist ein implizites Ziel des Studiums.“

Zeitweise bekam die Debatte den Charakter eines akademischen Proseminars, etwa als ausgiebig darüber gestritten wurde, was zur „intrinsischen Motivation“ von Studierenden beitrage. Als Parchmann auf die „eindeutig nachweisbare Korrelation zwischen Anwesenheit und Studienleistungen“ verwies, unterstrich Erdmann, dass es zwischen erster und letzten keine Kausalität gebe. FDP-Mann Vogt bilanzierte, dass der Abend nichts mehr am Gesetz ändere – die Hoffnung auf eine sinnvolle Ausgestaltung desselben schien die Gäste dann aber doch zu einen. Der Diskussionsprozess an den Hochschulen über die Folgen der Novelle hat erst begonnen.

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Ein Artikel von
Thomas Paterjey
Lokalredaktion Kiel/SH

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