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Das Grauen vor der Haustür

Arbeits- und Erziehungslager Nordmark Das Grauen vor der Haustür

Die Quälerei spielte sich direkt vor den Augen der Kieler ab. Am Ufer des Russees betrieben die Nationalsozialisten von Juni 1944 bis Mai 1945 das „Arbeitserziehungslager Nordmark“. Vor 70 Jahren befreiten britische Soldaten das Lager.

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Eckhard Colmorgen kennt die Geschichte des Arbeitserziehungslagers Nordmark in Kiel. Der Akens-Vorsitzende kämpft gegen das Vergessen und fordert eine aktivere Erinnerungskultur.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Im „Arbeitserziehungslager Nordmark“ kamen in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges nachweislich 578 Menschen ums Leben. Historiker gehen allerdings davon aus, dass es in Wirklichkeit deutlich mehr waren, die die grausamen Verbrechen nicht überlebten. Vor exakt 70 Jahren brach die Verwaltung des Lagers zusammen, und die ersten Gefangenen konnten fliehen. Kurz darauf rückten britische Soldaten an.

 Das Lager „Nordmark“ war eines von etwa 80 derartigen Lagern im damaligen Großdeutschen Reich, erinnerte in seinen Strukturen an die Konzentrationslager und hatte die Aufgabe, Arbeitskräfte zu beherbergen. „Die Arbeitserziehungslager sind ausschließlich zur Aufnahme von Arbeitsverweigerern und arbeitsunlustigen Elementen, deren Verhalten einer Arbeitssabotage gleichkommt, bestimmt“, heißt es in einer Anordnung des damaligen Reichsinnenministers und SS-Chefs Heinrich Himmler. In Kiel mussten die insgesamt etwa 5000 Gefangenen beispielsweise Trümmer nach Bombenangriffen beseitigen, Bunker bauen und Blindgänger entschärfen.

 Als das Kriegsende nahte, wurden immer mehr Gefangene – hauptsächlich Polen und Menschen aus der Sowjetunion – auf sogenannten Todesmärschen von Hamburg-Fuhlsbüttel nach Kiel getrieben. Im Lager gab es kurz darauf offenbar chaotische Zustände. Im Buch „Erziehung ins Massengrab – Die Geschichte des Arbeitserziehungslagers Nordmark“ hat der Autor Detlef Korte die Fakten zusammengetragen. Dort heißt es: Während der letzten drei Wochen der Existenz des Lagers Russee hatte Lagerleiter Johannes Post zunehmende Disziplinierungsschwierigkeiten mit seinem Wachpersonal. Einzelne Wachleute hätten gar gestohlen oder andere zur Meuterei aufgehetzt. Zudem gelang in den letzten Apriltagen mehreren Häftlingen die Flucht. Eine Dolmetscherin berichtete später über die Zustände im Lager am 2. Mai 1945: Das ganze Personal des Lagers lief betrunken vor dem Verwaltungsgebäude herum. Vielerorts wurden Akten verbrannt, Wachen räumten die Magazine leer. Spätestens am 3. Mai setzte sich das verbliebene Personal des Lagers in Richtung Norden ab. Einige SS-Wachen flohen gar in Häftlingskleidung.

 Kurz vor der Ankunft der ersten britischen Soldaten am 4. Mai entstand im Lager ein Machtvakuum. Späteren Schilderungen zufolge machten sich die ersten Kieler zu diesem Zeitpunkt auf, um Essbares oder Brauchbares aus den Baracken zu holen. Sie berichteten von Gefangenen, die dort eingesperrt und tagelang ohne Essen vor sich hin vegetierten. Viele von ihnen starben wenige Tage nach der Befreiung an den Folgen der Haft. Die Militärgerichte der Briten verurteilten 1947 und 1948 in Hamburg mehrere Wachleute des Lagers zu langen Haftstrafen. Der Lagerkommandant Johannes Post und sein Stellvertreter wurden hingerichtet. Das Kieler Lager geriet schnell in Vergessenheit. 1971 wurde ein erster schlichter Gedenkstein am Ufer des Russees errichtet, erst 2003 Tafeln, die über die schreckliche Geschichte dieses Ortes informieren. Viel zu spät, wie viele Kritiker meinen.

 „Wir dürfen die Vergangenheit nicht vergessen – Kiel darf seine Geschichte während des Dritten Reichs nicht vergessen“, sagt Eckhard Colmorgen. Der 61-Jährige ist Vorsitzender des Arbeitskreises zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein (Akens). 180 Mitglieder zählt der Verein, der seit mehr als 25 Jahren die NS-Geschichte im Norden aufarbeitet, Führungen für Interessierte anbietet und „gegen das Vergessen kämpft“, sagt Colmorgen.

 Mehr als 100 NS-Lager gab es in Schleswig-Holstein, in denen Gefangene der Nationalsozialisten meist unter schrecklichen Umständen leben mussten. „Das Arbeits- und Erziehungslager Nordmark hat dabei eine Schlüsselrolle gehabt“, sagt der Historiker. Hätte der Zweite Weltkrieg im April 1945 keine Wendung genommen und Deutschland kapituliert – aus dem Lager in Kiel wäre ein Konzentrationslager geworden. Die baulichen Vorkehrungen der Nazis liefen bereits. Überlebende und Einheimische hätten bereits vom „KZ am Russee“ gesprochen.

 „Aus Bestattungsbüchern sind uns die Namen von 420 Opfern bekannt“, sagt Colmorgen. Bei den übrigen ist die Identität bis heute ungeklärt. Die Toten wurden seinerzeit in Massengräbern verscharrt. Teilweise wurden die Leichen der Zwangsarbeiter mit Steinen beschwert im nahegelegenen See versenkt.

 Seit 1985 erinnert ein Gedenkstein mit Inschrift an die Toten des Lagers. „Damals bedurfte es großen öffentlichen Drucks, in den 1980er-Jahren war das schlechte Gewissen ob der Vergangenheit noch sehr groß“, erinnert sich Colmorgen. „Manch einem damals politisch Verantwortlichen mangelte es vielleicht auch noch am notwendigen geschichtlichen Bewusstsein.“ Auch wenn sich dies maßgeblich verändert habe, zufrieden ist der 61-Jährige noch immer nicht: „Die Landeshauptstadt braucht eine aktive Erinnerungskultur.“ Kiel solle bewusster an die Gräueltaten und das Lager erinnern. „Wir fordern bereits seit langem eine Dauerausstellung, die mitten in der Stadt, zentral für Interessierte, eingerichtet werden sollte“, sagt Colmorgen. Aufklärung über das NS-Regime steht für ihn ebenso im Fokus wie die geschichtliche Erinnerung. „Speziell junge Menschen sollen Bescheid wissen, was vor wenigen Jahrzehnten hier vor ihrer Haustür geschehen ist.“

 Das Wochenend-Journal unserer Zeitung befasst sich in seiner Ausgabe am Sonnabend, 2. Mai, ausführlich mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Kiel und Schleswig-Holstein. Dabei kommen anlässlich des 70. Jahrestages Zeitzeugen und Historiker zu Wort.

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Ein Artikel von
Bastian Modrow
Lokalredaktion Kiel/SH

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