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„Geld haben wir hier alle nicht“

Armut in Kiel „Geld haben wir hier alle nicht“

Beim Spiel Monopoly wäre die Stromeyerallee vom Namen her vermutlich das teuerste Pflaster. In Kiel-Friedrichsort allerdings ist die Wirklichkeit eine andere. Wer hier wohnt, träumt von einem besseren Leben. Eine Momentaufnahme.

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Sie spart, wo sie kann: Nadine (24) ist alleinerziehend und lebt von Hartz IV. Die Suche nach günstigen Angeboten ist für die alleinerziehende Mutter täglich Brot, um über die Runden zu kommen.

Quelle: Kristiane Backheuer

Kiel. Gleich mehrere Hochhäuser in unterschiedlichen Höhen reihen sich dicht an dicht. Anonyme Fensterfronten. Graffiti an den Garagentoren. Während wir an einem der Eingänge mit den unzähligen Namensschildern klingeln, fährt ein Polizeiauto vor. Der Beamte verschwindet im Nachbarhaus. Eine ältere Frau steht plötzlich mit ihrer Einkaufstasche hinter uns. Armut? „Davon ist hier jeder betroffen“, sagt sie und nimmt uns mit ins Treppenhaus. Für mehr hat sie keine Zeit. Im ersten Stock öffnet uns eine Frau mit verwuscheltem Haar und fehlenden Zähnen. „Geld haben wir hier alle nicht“, sagt sie nur und schließt die Tür. Ein paar Treppen weiter oben treffen wir Nadine (24). Die alleinerziehende Mutter von Jan-Niklas (4, Name geändert) ist gerade auf dem Sprung ins Nachbarhaus zu einem Bekannten. Wir dürfen mitkommen.

„Ich bekomme seit vier Jahren Hartz IV“, sagt sie auf dem Weg offen. „Toll ist das nicht. Aber bisher komme ich immer gerade so über die Runden.“ Wenig später sitzen wir auch schon alle bei Peter (53, Name geändert) auf dem Sofa. Seit 2007 oder 2008 – so genau kann er das gar nicht mehr sagen – ist der gelernte Möbeltischler arbeitslos. „Mein Chef wollte, dass wir zu zweit einen 400 Kilo schweren Konzertflügel aus dem vierten Stock heruntertragen. Da hab’ ich mich geweigert“, erzählt er und dreht sich erst einmal eine Zigarette. 17 Jahre sei er in der Firma gewesen. Immer der erste, oft der letzte. „Aber das zählt dann alles nicht.“ Man einigte sich bei der Trennung auf gesundheitliche Gründe – „mein Rücken ist tatsächlich kaputt“ – und schon war Peter aus der Arbeitswelt gekickt.

Frühstück und Mittag fällt aus

Statt 1100 Euro netto hatte er von einem auf den nächsten Monat nur noch 399 Euro im Portemonnaie. 60 Euro muss er davon für Strom zahlen. Knapp 50 Quadratmeter groß ist seine Wohnung in der Stromeyerallee. Die Miete in Höhe von 387 Euro wird direkt vom Sozialamt überwiesen. „Die Kosten für Lebensmittel können einem aber schon schnell das Genick brechen“, sagt er nachdenklich. „Man muss genau hinschauen, sonst ist das Geld am 10. schon weg.“ Sein Trick: „Ich habe mir angewöhnt, nur noch nachmittags zu essen. Frühstück und Mittag lasse ich ausfallen.“ Er achte sehr auf Angebote. Das Problem sei nur der Platz. „Ich habe keinen Vorratsraum oder Tiefkühler.“ Ein Kilogramm Eisbein oder Schnitzel landet dann schon mal in drei Portionen im kleinen Eisfach seines Kühlschranks. Luxus fehle ihm nicht. Er käme gut zurecht. Auch Urlaub vermisse er nicht. „Was soll ich auf Mallorca oder auf den Malediven, wenn ich Falckenstein vor der Tür habe?“

Trotz Arbeitslosigkeit läuft sein Leben in sehr geregelten Bahnen. Er sei immer schon Frühaufsteher gewesen. Jetzt im Winter verdient er sich einen kleinen Zusatzlohn beim Winterdienst. „Das mach’ ich alles zu Fuß“, sagt er nicht ohne Stolz. „Ich brauche 45 Minuten bis nach Schilksee. Das ist wie Frühsport.“ Im Sommer sammelt er morgens Müll in Falckenstein oder jobbt für die Arbeiterwohlfahrt als „Kloputzer“ im Feriendorf. Einen festen Job hätte er aber schon gerne. „Aber nicht im Büro.“ Gerne schraubt er an Motorrollern herum, eine Anstellung in einer Werkstatt wäre noch mal was...

200 Bewerbungen – nur Absagen

Auch Nadine hat sich mit ihrem Hartz-IV-Leben arrangiert. Nach dem Hauptschulabschluss dachte sie, die Welt stehe ihr offen. Doch Pustekuchen. Erst nach etlichen Jobcenter-Maßnahmen ergatterte sie einen Ausbildungsplatz zur Friseurin. Drei Monate später war sie schwanger. „Inzwischen habe ich rund 200 Bewerbungen geschrieben“, erzählt sie. „Aber es kamen nur Absagen.“ Ihr größtes Ziel: den Realschulabschluss nachmachen. „Mein Herzenswunsch wäre eine Ausbildung zur Sport- und Fitnesskauffrau“, sagt sie und schwärmt von ihrem Hobby, dem Cheerleading. „Das Tanzen, die Akrobatik, die Pyramiden sind einfach klasse.“ Drei- bis viermal die Woche ist sie mit ihrem Schilkseer-Team aktiv und coacht den Nachwuchs. „Ein Fitnessstudio würde ich auch gerne mal von innen kennenlernen. Aber dafür ist einfach kein Geld da.“

„Früher war ich oft in der Disco. Da hat so ein Abend mit Eintritt und Getränken schon mal gerne 50 Euro und mehr gekostet“, erzählt sie. „Das würde ich heute nie mehr machen.“ Ihre Mutter helfe beim Großeinkauf und achte mit auf ihre Ausgaben. An manchen Tagen falle ihr die Disziplin aber nicht leicht. Zum Beispiel, wenn Nike-Sportschuhe im Angebot sind. Doch dann erinnert sie sich, dass ihr Sohn dringend ein neues Fahrrad braucht. Sein altes Rad wurde vor Kurzem aus dem Fahrradkeller ihres Hauses geklaut. „Das Geld wächst leider nicht auf Bäumen", sagt sie schulterzuckend und schnappt sich die Jacke. Die beiden wollen jetzt zur Bank. Bei Peter sind noch 1,75 Euro im Portemonnaie, bei Nadine 2 Euro. Beide hoffen, dass schon Geld für den neuen Monat auf ihrem Konto gelandet ist. Als arm würden sich beide übrigens nie bezeichnen. „Arm ist man, wenn man kein Dach über dem Kopf hat und keine Lebensmittel kaufen kann“, sagt Nadine bestimmt. „Wir sind nur sozial schwach. Und das auch nur vorübergehend.“

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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