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Der mühsame Weg aus der Armutsfalle

Kieler Netzwerk Der mühsame Weg aus der Armutsfalle

Fast jedes dritte Kind unter 15 Jahren in Kiel ist auf Sozialgeld angewiesen und gilt damit als arm. Vor zehn Jahren, als sich das Kieler Netzwerk gegen Kinderarmut gründete, war die Zahl genauso hoch. Jetzt suchten rund 120 Experten bei der 6. Kieler Armutskonferenz Ansätze, um die Folgen wirtschaftlicher Not in Familien auf Kinder zu mildern.

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Laut Statistik ist Mettenhof sozial nach wie vor ein Problemstadtteil: Fast 57 Prozent der dort lebenden unter 15-Jährigen sind auf Sozialgeld angewiesen und gelten damit als arm.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Als eine der gravierendsten Konsequenzen gilt unter Experten der durch Daten belegbare Zusammenhang: Je weniger Bildung und Geld, desto größer das Krankheitsrisiko. Das zeigte auch der bei der Armutskonferenz vorgestellte Bericht des Gesundheitsamtes zur Kindergesundheit in Kiel und Schleswig-Holstein. Fazit des Berichts: Kinder aus Familien mit „geringerem Bildungshintergrund“ leiden „deutlich häufiger“ an einer chronischen Gesundheitsstörung, neigen eher zu Bewegungsmangel, Übergewicht und benötigen häufiger heilpädagogische Maßnahmen.

 Die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Dr. Antje Richter-Kornweiz von der Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen brachte solche Daten so auf den Punkt: „Finanzielle Ressourcen und guter Bildungsstand bedeuten in der Regel bessere Gesundheit. Das heißt: Wer weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Nettolohns zur Verfügung hat, lebt im Schnitt 10,4 Jahre kürzer als Menschen mit überdurchschnittlichem Verdienst.“

 Armut verstärkt aus Sicht der Wissenschaftlerin jedoch „alle Formen von Auffälligkeiten“ – soziale, intellektuelle, gesundheitliche: „Insofern kann man sagen, dass soziale Einflüsse sich im wörtlichen Sinn verkörpern.“ Als wirksame Gegenmaßnahmen empfahl die Expertin den Aufbau von zuvor fest vereinbarten „Präventionsketten“, also aufeinander abgestimmte Vorsorgemaßnahmen wie Beratung oder Betreuung von Familien auf Basis zuvor erhobener Daten zu den Problemlagen.

 Aus Sicht von Kiels Sozialdezernentin Renate Treutel ist die Stadt bei solchen Präventionsketten schon relativ weit vorangekommen. Als Beispiel dafür nannte sie den Aufbau von mittlerweile zwölf Familienzentren mit vielfältigen Beratungsangeboten, die stärkere Vernetzung von Anbietern früher Hilfen für Kinder unter drei Jahren sowie der Aufbau der Bildungsregion Kiel zur Verbesserung von Übergängen nach Schulabschlüssen in eine Berufsausbildung.

 Die positiven Folgen solcher Maßnahmen würden langsam sichtbar. So sei die Zahl „eingreifender Hilfen“ in Gaarden zum Beispiel in Form einer Heimunterbringung von Kindern mittlerweile stark zurückgegangen. Dass hingegen die Zahl der als arm geltenden Kinder seit zehn Jahren nahezu konstant blieb, ist aus Sicht der Dezernentin kein Beleg für die Unwirksamkeit der Arbeit des Netzwerkes gegen Kinderarmut: „Die Ursachen dafür sind Arbeitslosigkeit oder prekäre Beschäftigungsverhältnisse der Eltern. Daran können wir als Netzwerk aber nichts ändern, sondern nur die Folgen von Armut mildern.“ Damit dies gelingt, schlugen Vertreter der 18 Netzwerk-Institutionen (darunter die Stadt, Parteien, Wohlfahrtsorganisationen und der Kinderschutzbund) in fünf Workshops folgende Maßnahmen vor: bessere Qualifizierung und Fortbildung von Fachkräften, mehr dauerhafte Angebote statt zeitlich begrenzter Projekte, zentrale Erfassung und öffentliche Kommunikation von Beratungs- und Betreuungsangeboten in Form von Datenbanken oder frei zugänglichen Apps auf Smartphones.

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Ein Artikel von
Jürgen Küppers
Lokalredaktion Kiel/SH

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Als die Zahl 2005 erstmals richtig publik wurde, löste sie in der Stadt tiefe Bestürzung aus: Ein Drittel der unter 15-Jährigen war auf Sozialgeld angewiesen und galt damit als arm. Zehn Jahre später hat sich die dramatische Zahl kaum geändert, trotz des ebenso lange agierenden Netzwerkes gegen Kinderarmut, trotz aller Anstrengungen von Stadt und Land. Damit lastet ein nachtschwarzer Schatten auf der Landeshauptstadt.

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