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Wundertüte Schlossquartier

Ausgrabungen Wundertüte Schlossquartier

Gut vier Monate haben die Archäologen auf der Schlossquartier-Baustelle in Kiel gegraben, Ende der Woche wollen sie ihre Arbeit nun beenden. Schon jetzt sehen die Mitarbeiter des Archäologischen Landesamtes die Ausgrabungen im Herzen Kiels als großen Erfolg.

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Werner Gehrke (links) und Werner Janßen haben in dem feuchten Boden zahlreiche Tierknochen gefunden.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. „Wir hatten die vergangenen 750 Jahre Kieler Stadtgeschichte auf der Schaufel“, sagt Grabungsleiter Marc Kühlborn. Der Archäologe steht in der Baugrube am Schlossquartier. Ein Lkw lädt Stahlträger ab, Bauarbeiter mit Warnwesten und Helmen knien auf dem frisch gegossenen Fundament, mauern erste Wände oder bearbeiten das Stahlgerüst. Es ist laut. Auch Kühlborn und seine Mitarbeiter tragen Westen und Helme in Signalfarben, alle haben Ohrenschützer am Helm befestigt. „Ohne geht es nicht“, sagt Kühlborn. Den Vorstellungen von einer klassischen Ausgrabung entspricht die Szenerie kaum.

 „Wir haben an verschiedenen Ecken der Baugrube gearbeitet“, sagt Kühlborn und zeigt, wo er und sein Team schon die Schaufel angesetzt haben. Ende der Woche wollen sie die Grabungen beenden, dann seien sie fertig, erzählt er. „Wir haben dann auch an dieser letzten Stelle den gewachsenen Boden erreicht. Ab da können wir nichts mehr finden.“

 Von dem, was sie gefunden haben, ist Kühlborn begeistert. Die Funde sind zwischen 750 und 70 Jahre alt. Besonders stolz ist der Grabungsleiter auf die Ausgrabungen der vergangenen Wochen. „Wir haben eine Kloake aus dem Mittelalter entdeckt“, erzählt er. Ein Stück der dunklen Erde, das er in der Hand hält, riecht noch immer danach. Die Menschen hätten dort aber nicht nur Fäkalien entsorgt, erklärt der 48-Jährige, sondern auch vieles andere. „Das war eine Art universeller Müllschlucker.“ Ein Holzteller und eine Holzschale, die er auf die Zeit um 1300 datiert, haben er und seine Mitarbeiter dort gefunden. „Das ist wirklich ziemlich selten, vor allem so gut erhalten.“ Dafür habe der feuchte Boden gesorgt, der die mittelalterlichen Überreste luftdicht einschloss. Eigentlich sei das Mittelalter zudem ein „Recycling-Zeitalter“ gewesen, erzählt Kühlborn: „Alles wurde wieder verwendet.“ Nur Teile aus Glas und Keramik seien weggeworfen worden,wenn sie kaputt waren. „Wenn man etwas Organisches findet, dann ist das großes Glück.“

Pilgerreise vor Riga

 Interessant ist aus Kühlborns Sicht auch der Fund eines Zinnbechers aus der Zeit zwischen 1270 und 1350. „Man sieht sehr deutlich, dass mit dem Becher versucht wurde, Keramik zu imitieren.“ Rillen und Ränder, die an die Bearbeitung auf einer Töpferscheibe erinnern sollen, wurden in den Becher eingearbeitet. Außergewöhnlich ist auch der Fund eines etwa sechs Zentimeter großen Pilgerzeichens. „Das Zeichen stammt von einer Pilgerreise nach Riga vor 1326“, erläutert Kühlborn. Bisher seien nur zwei weitere dieser Zeichen gefunden worden, eines in Lübeck und eines in Schweden, das aber nur teilweise erhalten ist. Pilger, die den Ort ihrer Reise erreicht hatten, kauften dort ein Abzeichen und nähten es sich an die Kleidung. Um einerseits vom Heiligen beschützt zu werden und andererseits, um den Daheimgebliebenen zu beweisen, dass man dort war.

 Unzählige größere und kleine Funde holt Marc Kühlborn nach und nach hervor. „Die Grabung hier war wirklich ein großer Erfolg“, sagt er. Er und seine Mitarbeiter hätten von Anfang an gewusst, dass sie viel finden würden, weil die Ausgrabungsstätten im Zentrum des historischen Kiels liegt. Aber gerade mit den vielen herausragenden mittelalterlichen Funden hatten die Archäologen nicht gerechnet. „Das war wie eine Wundertüte. Immer wieder sind wir auf etwas Neues gestoßen, überall, wo wir gegraben haben, haben wir etwas gefunden.“

 1500 Quadratmeter der rund 7000 Quadratmeter großen Baugrube wurden von den Archäologen bearbeitet. Hier entstehen 213 Wohnungen, in die im Sommer 2018 die ersten Bewohner einziehen sollen. Die archäologischen Ausgrabungen waren schon vor Beginn der Arbeiten von den Bauherren der Norddeutschen Grundstücksentwicklungsgesellschaft (NGEG) und der Allgemeinen Betreuungsgesellschaft (ABG) eingeplant und unterstützt worden.

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Ein Artikel von
Anne-Kathrin Steinmetz
Lokalredaktion Kiel/SH

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