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Vom Salafisten zum Aufklärer

Aussteiger vor Schülern Vom Salafisten zum Aufklärer

Im Hans-Geiger-Gymnasium finden sich so viele Kulturen wie an keiner anderen derartigen Schule in Kiel. Fünf neunte Klassen reden im Religions- und Philosophieunterricht darüber, warum und wie aus Glaube ein gefährlicher Wahn werden kann. Die profundeste Auskunft dazu gab am Donnerstag Dominic Schmitz.

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Dominic Schmitz (29) sprach im Hans-Geiger-Gymnasium darüber, wie er zum radikalen Islamismus kam – und wie er sich davon wieder losgesagt hat.

Quelle: Martin Geist

Kiel. Der nannte sich eine ganze Reihe von Jahren Musa Almani, trug ein langes Gewand und einen langen Bart – und war ein lupenreiner Salafist.

Kiffen, Rap hören, Party machen: Der heute 29-Jährige war als Jugendlicher so wie viele andere. Bis er mit 17 erlebte, wie sein aus Marokko stammender Kumpel von jetzt auf gleich Schluss mit alldem machte, um ein „gottgefälliges Leben“ zu führen. „Diese Konsequenz hat mich neugierig gemacht“, erinnert sich Schmitz, der darauf reihenweise Bücher über den Islam verschlang. Zugleich näherte er sich der salafistischen Szene an, besuchte Moscheen, knüpfte Kontakte, fühlte sich aufgehoben und verstanden. „Es hat gerade mal drei Monate gedauert, bis ich zum Islam konvertiert bin“, erzählt der Mann, der von diesem Moment an den arabischen Namen Musa trug.

Auf der Suche nach dem Sinn

Gemeinschaft und Sinn, das sind aus seiner heutigen Sicht die entscheidenden Bedürfnisse, die ihn dazu gebracht hatten. Zuerst hatte er es mit Kant versucht und verstand nur, dass die Sache mit dem Sinn ziemlich kompliziert ist. Die salafistische Auslegung des Koran jedoch erschien ihm einfach: „Lebe so wie es geschrieben steht, und Du kommst ins Paradies.“

„Als Jugendlicher wollte ich genau diese eine Antwort haben“, begründet Schmitz, was die Sache damals so attraktiv für ihn machte. Er legte entsprechenden Eifer an den Tag, kleidete sich wie weiland der Prophet, verteilte in Fußgängerzonen den Koran, missionierte von 2008 an auf einem eigenen Youtube-Kanal. Freunde gab es nicht mehr, nur noch Brüder im Glauben. Die anderen aus seinem früheren Leben waren nun Ungläubige und somit Feinde, so wie überhaupt der ganze Westen.

Schon im Jahr 2007, als er seine erste von drei Pilgerreisen nach Mekka unternahm, begann etwas zu dämmern bei dem Konvertiten: „Da waren 1,5 Millionen Menschen aus so vielen Ländern und Kulturen, und ich hab zum ersten Mal erlebt, wie viele Arten von Islam es überhaupt gibt.“ Was ihn erst einmal nicht von seiner Linie abbrachte. Im Gegenteil. Der junge Mann, der sich als überzeugter Pazifist verstand, veränderte langsam seine Haltung zur Gewalt und hatte immer mehr Sympathien dafür, „dass Muslime zur Waffe greifen, um sich zu wehren“.

Rechtzeitig abgebogen

Persönlich schlug er jedoch rechtzeitig eine andere Richtung ein: „Es ist total größenwahnsinnig zu sagen, man verstehe die Religion als Einziger richtig“, sagt Schmitz inzwischen. Und er betont, wie befriedigend es ist, seine Freunde nicht nach dem Glauben auszusuchen, sondern danach, ob man sie mag. Immer noch versteht er sich als Muslim, glaubt aber nicht, dass der Allmächtige ihn nur liebt, wenn er fünfmal am Tag betet: „Ich lebe Religion ohne Dogma.“

Patentrezepte zur Vorbeugung gegen religiöse oder auch politische Radikalisierung hatte Schmitz ebenso wenig wie Tobias Meilicke von der Organisation Pro-Vention, die sich gegen religiös begründeten Extremismus in Schleswig-Holstein richtet. Einige Hinweise hoben jedoch beide hervor: Wann immer in der Schule jemand ausgegrenzt oder gemobbt wird, sollte man dagegen einschreiten. Und in den Klassenzimmern sollte man über Politik und Religion reden, ehe dieses Bedürfnis der Jugendlichen von den falschen Leuten befriedigt wird.

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