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Begeistert von der Schönheit Kiels

Warleberger Hof Begeistert von der Schönheit Kiels

Der Warleberger Hof widmet der Aufbruchphase zwischen 1870 und 1910 eine Ausstellung mit mehr als 100 historischen Fotos. Zu sehen ist die „Kieler Stadtfotografie, Teil 1“ ab Montag.

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Waschtag in Kiel. Die weiße Wäsche, die um 1870 in den Gärten zum Trocknen hängt, wurde wohl im modrigen Wasser des Kleinen Kiel gewaschsen, über den man vom Lorentzendamm auf die Altstadt blickt.

Quelle: Fotograf unbekannt

Kiel. Was waren die Kieler stolz auf ihre Stadt. Nicht nur auf die prächtige Architektur mit ihren Gotik-, Barock- und Renaissancebauten. Auch auf die Moderne, die die Industrialisierung mit sich brachte. Kiel wuchs so schnell wie kaum eine andere Stadt Deutschlands. Innerhalb von wenigen Jahrzehnten wurde aus einem Provinzort eine bedeutende Metropole. Genau dieser Aufbruchphase zwischen 1870 und 1910 widmet sich eine Ausstellung im Warleberger Hof mit mehr als 100 historischen Fotos.

Sie ist der erste Teil einer Doppelausstellung. Daran anschließend läuft im April ein zweiter Teil mit Aufnahmen von der modernen Nachkriegsstadt der späten 1960er Jahre. Mit diesen Bildern aus dem Stadtarchiv will Museumsleiterin Doris Tillmann die Stimmung und den Fortschrittsglauben der so unterschiedlichen Epochen vermitteln – und die Begeisterung für die sich modernisierende Stadt. Sie stehe ganz im Widerspruch zu der heutigen Wahrnehmung. „Die Kieler hadern ja immer ein bisschen mit ihrem Stadtbild: Warum ist es hier so modern und nicht so heimelig wie in Lübeck?“, so die Beobachtung der Volkskundlerin. Daher will sie den Ausstellungsbesuchern vor Augen führen, wie die heutige Stadt entstanden ist und „wie sehr sich ihre Bewohner mit der Modernisierung identifiziert haben“.

Als Quelle dienen allein Fotos: Arbeiter, die sich mit geschwellter Brust um einem Tiefbaugraben positionieren und ihre Gastechnik präsentieren oder die selbstbewusste Damenriege des Männerturnvereins, die allesamt in Marinekleidern – der weiblichen Turnbekleidung – stecken. „Auf diesen Bildern ist zu spüren, wie wohl sich die Menschen fühlten, wie glücklich sie waren in ihrer modernen Stadt“, befindet Tillmann. Diese Aufnahmen waren aber erst mit der fortgeschrittenen Technik möglich.

Früheste fotografische Stadtansichten entstanden um 1860. Die Belichtungszeiten lagen bei 30 Sekunden, zu lang um Menschen auf Papier zu bannen. In dieser Zeit begann jedoch schon das rasante Wirtschaftswachstum: 1865 verlegte der Kaiser die Marinestation von Danzig an die Förde und 1875 baute Howaldt hier das erste Dampfschiff. Damit waren die Grundsteine für den Boom gelegt: Zählte die Stadt in den 1860er Jahren noch 15000 Einwohner, hatte sie im Jahr 1900 schon mit 100000 den Status einer Großstadt und sich 1913 dann sogar auf 200000 Einwohner verdoppelt.

Altstadtinsel prägte Kiel

Also musste Platz geschaffen werden. Kiel, wie es schon seit dem Mittelalter bestand, war geprägt durch eine dicht bebaute Altstadtinsel, aus der der Nikolai-Kirchturm herausragte und das Doppelmansarddach des Schlosses. Auf den Fotos mit erstaunlicher Tiefenschärfe sind auch der Buchwaldtsche Hof und die Windmühle einer Goldleistenfabrik am Kütertor zu erkennen. Über den Kleinen Kiel blickt man auf die Gärten, in denen weiße Wäsche zum Trocknen hängt, gewaschen in dem sumpfigen, modrigen Gewässer, wie man es heute noch kennt. Ebenfalls an bekannter Stelle und im Zentrum der Stadt liegt der alte Markt, damals aber umrahmt von Häuserreihen im Stil der Renaissance und Barock und dem gotischen Rathaus.

Dieses altehrwürdige Kiel wurde komplett abgerissen. Die meisten Gebäude fielen also nicht etwa dem Krieg zum Opfer, sondern wurden von den Stadtplanern ganz bewusst entfernt, „denn sie waren baufällig und eine Sanierung im modernen Sinne war nicht möglich“, so Tillmann. Nachdem der Abbruch beschlossen war, beauftragte der damalige Stadtbaurat Georg Pauly den Fotografen Johann Thormann Straße für Straße zu dokumentieren – ein Glücksfall für Stadthistoriker.

Hier sehen Sie Fotos der Ausstellung "Kieler Stadtfotografie, Teil 1" im Warleberger Hof.

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Die Ausstellung konzentriert sich aber nicht auf die Innenstadt allein. Gezeigt werden auch die Vorstädte Richtung Süden und Norden, die Hafenseite mit den Speichern, dem Bootshafen und Fischerschiffen, das bürgerliche Düsternbrook, die Werften am Ostufer und die beliebten Ausflugsziele Gaarden und Ellerbek. „So schön war Kiel, und es war berühmt für seine Aussicht“, schwärmt die Museumsdirektorin.

Nostalgische Gefühle kommen bei ihr dennoch nicht hoch: „Ich habe wenig Wehmut“, sagt sie. „Ich sehe immer auch den Wandel hin zur Demokratie – und bin froh, dass wir die traditionellen Gesellschaftsstrukturen überwunden haben.“

Infos zur Ausstellung

Die Ausstellung „Kieler Stadtfotografie, Teil 1 – Die Anfänge (1870-1910)“ läuft vom 22. Februar bis zum 10. April im Warleberger Hof, Dänische Straße 19. Geöffnet dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr. Eintritt: 3 Euro, ermäßigt 1 Euro. Öffentliche Führungen: sonntags 15.30 Uhr. Gruppenführungen nach Vereinbarung

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