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Wie die Ideologie den Alltag bestimmte

Ausstellung im Warleberger Hof Wie die Ideologie den Alltag bestimmte

Eine Schreibmaschine, ein Wintermantel und Kunststoffanstecker – was haben diese Alltagsgegenstände mit der NS-Diktatur zu tun? Diese Frage will die Ausstellung „Sammeln und Erinnern – NS-Geschichte im Spiegel des Kieler Museumsbestandes“ beantworten. Ab Sonntag ist sie im Warleberger Hof zu sehen.

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Auch zwei Volksempfänger gehören zu den Ausstellungsobjekten, die Doris Tillmann (links) und Katja Töpfer präsentieren.

Quelle: Volker Rebehn

Kiel. „Wir wollen zeigen, wie die Ideologie den Alltag bestimmte“, sagt Museumsdirektorin Doris Tillmann. Jede Tätigkeit sei davon durchdrungen und beeinflusst gewesen. „Deswegen zeigen wir bewusst auch kleine, alltägliche Gegenstände, die jeder benutzte und benutzen musste.“ Kleine Sammelfiguren, Kunststoffanstecker des Winterhilfswerks etwa. Jeder, der für das Hilfswerk, eine der größten Massenorganisationen des Dritten Reichs, spendete, bekam eine Sammelfigur. Als Abzeichen konnte man sie gut sichtbar an der Kleidung tragen und damit deutlich machen, dass man für die Gemeinschaft gespendet hat. „Das sollte die Volksgemeinschaft stärken“, erklärt Kuratorin Katja Töpfer, die die Ausstellung als Abschlussprojekt ihres Volontariats beim Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum erarbeitet hat. Ursprünglich seien die Figuren, Bilder und Anstecker als Spendenquittungen gedacht gewesen, entwickelten sich dann immer mehr zum Sammelobjekt. Sie zeigten deutsche Landschaftsbilder, Blumen, Märchenfiguren oder auch nationalsozialistische Größen auf Sammelkarten. „Diese Stärkung der Volksgemeinschaft ging aber natürlich mit Ausgrenzung anderer Bevölkerungsgruppen einher.“

Ausgrenzung im Alltag

 Auch das sei für jeden Deutschen im Alltag deutlich geworden. Das zeigt ein auf den ersten Blick schlichter Damenmantel, der in der Ausstellung zu sehen ist. An der Innenseite trägt der Wintermantel ein Etikett der „Arbeitsgemeinschaft Deutsch-Arischer Fabrikanten der Bekleidungsindustrie“. „Hier wird besonders deutlich, wie subtil die Ausgrenzung funktionierte“, erklärt Tillmann. Überall sei sie sichtbar gewesen. „Man hat sich gar nicht dagegen wehren können. Selbst beim Mantelkauf nicht.“

 Was die Ausstellung nicht zeigen kann, ist die Verfolgung und Vernichtung der Juden, der systematische Massenmord, betonen Tillmann und Töpfer. „Die Ausstellung zeigt nur Objekte aus der Sammlung des Stadtmuseums“, erläutert Töpfer. Daran habe sie sich orientiert und die Ausstellung dann innerhalb eines Jahres konzipiert. „Sie zeigt aber das, was Voraussetzung war, um den Massenmord durchzusetzen. Nämlich die Ideologie und wie sie gewirkt hat.“

 Rund 1000 Objekte mit Bezug zum Nationalsozialismus umfasst die Sammlung des Museums. Töpfer hat sie alle gesichtet und schließlich 150 für die Ausstellung ausgewählt und verschiedenen Bereichen zugeordnet. Danach hat sie auch die jetzt gezeigte Museumsschau untergliedert. Neben den Bereichen Volksgemeinschaft sowie Ausgrenzung und Verfolgung sind auch Objekte zu den Themen Partei, Propaganda und Führerkult zu sehen, auch die Themen Wirtschaft, Arbeit sowie Frauen, Bildung und Sport werden behandelt.

 „Wir verstehen diese Ausstellung als Teil der Diskussion um Erinnerungskultur“, sagt Tillmann. Gerade weil die Zeitzeugen dieser für die deutsche Geschichte so folgenreichen zwölf Jahre immer weniger werden, sei es wichtig, neue Erinnerungsformate zu entwickeln. „Dazu wollen wir einen Beitrag leisten.“

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Ein Artikel von
Anne-Kathrin Steinmetz
Lokalredaktion Kiel/SH

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