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Inspiriert vom „dritten Blick“

Ausstellung Inspiriert vom „dritten Blick“

Eigentlich waren alle des Lobes und des Dankes voll über diese Blitzausstellung von Schülerinnen der Käthe-Kollwitz-Schule, die am Dienstag um 15 Uhr eröffnet und um 17 Uhr schon wieder abgebaut wurde. Was schade ist, aber nun einmal das Konzept.

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Anne Heinleins in der Stadtgalerie zu sehende Serie „Wüstungen“ (hinten) gab Isabel Roth (17) Impulse für ihre Foto-Arbeit „Dänische Spuren in Kiel“ (vorn).

Quelle: Frank Peter

Kiel. Ein bewährtes, wie Wolfgang Zeigerer, Leiter der Stadtgalerie, sagte. „Kongenial gelungen“ sei es den Schülerinnen, „Entsprechungen zu finden zu den Arbeiten der ostdeutschen Künstler, die wir hier zeigen“. Noch bis zum 8. Mai ist „Der dritte Blick“ zu sehen. Viele der Künstler waren zur Zeit der Wende noch jung. Die besonderen Brüche in ihrer Biografie, ihre ambivalenten Gefühle zu dem Staat, der Heimat bleibt, obwohl er nicht mehr existiert, schlägt sich in den Arbeiten nieder. Und mit genau diesen traten die Schülerinnen aus Kiel in einen kreativen Dialog, bei dem, begleitet von ihrer Kunstlehrerin Johanna Ludwig und Kunstpädagogin Uschi Koch, die 16- und 17-Jährigen eine Fülle und beeindruckende Bandbreite eigener Ideen freisetzten. Zeigerer formulierte es so: „Sie haben alle der Namensgeberin Ihrer Schule große Ehre gemacht.“

 Nacheinander stellte jede Schülerin ihre Arbeit vor. Inspiriert von den Schwarz-Weiß-Fotos aus Anne Heinleins Serie „Wüstungen“ waren zum Beispiel „Dänische Spuren in Kiel“ von Isabel Roth und „Zwischenplatz“ von Luka Naujoks, die Kieler Orte, „wo jetzt noch nichts ist“, fotografiert und mit abstrakten Formen gefüllt hatten. Auch Pia Sievert mit „Kleider machen Leute“ und Luka Naujoks mit „Schubladen“ bezogen sich auf Anne Heinlein und deren Serie „Kampfzone“ über Frauen in Uniform. Einen affektiven eigenen Zugang, angeregt durch Sven Gatters „Heimat“, wählte Hanna Fee Kolberger, deren Großeltern nach der Flucht aus Ostpreußen in der kleinen Gartenbausiedlung Halte lebten, unweit der Papenburger Meyer-Werft. Die Gärtnerei sei inzwischen verkauft, die Großmutter gestorben, und der Großvater wohne dort nicht mehr. Sie habe „Gefühle, Gedanken und Erinnerungen in Gläsern eingefangen, um sie zu bewahren“, sagte sie. In Einweckgläsern, original aus Omas Keller.

 Unglaublichen Mut bescheinigten ihr nicht nur ihre Mutter, sondern auch ihre Kunstlehrerin: Die 16-jährige Aenea Westermann hatte, inspiriert von den Frauen in Uniform, „überlegt, welche Berufsfelder unsere Gesellschaft welchem Geschlecht zuordnet. Dazu wollte ich ein Gegensatzpaar schaffen.“ Den Mann in einer Frauen zugeschriebenen Rolle. Das Ergebnis hing am Dienstag leider nur für zwei Stunden: „Ein Mann für gewisse Stunden“. Aenea hatte dafür im Internet einen Escort-Service kontaktiert („ich habe mir gesagt, reiß dich zusammen, es ist für die Kunst“), dort einen ihr Fremden per Mail für ihre Idee interessieren können, ihn dann in Kiel getroffen und im Rotlichtviertel fotografiert. Es sei nicht nur „ein total tolles Gespräch“ gewesen, sondern auch eine tolle Erfahrung. Vielleicht gekrönt dadurch, dass der Escort-Mann dann noch selbst auftauchte und sich alle Schülerinnen-Werke ansah.

 Politische Statements dominierten die Arbeiten „Wenn schon, denn schon. Gleichberechtigung“ von Jana Podbelskaya und „Ausbruch aus der Zensur“ ihrer Zwillingssschwester Lada, „Ironie der Wirklichkeit“ von Nicola Meinert, „Krieg – ein Spiel für Reiche“ von Celina Jungjohann und Yasmin Lindemann und der von Luise Schröders Dresden-Film inspirierte „Untergang“ von Jessica Fey und Malin Holm. Maximalen Applaus spendeten die 85 Besucher – Schülerinnen, Eltern, Lehrkräfte und Stadtgaleristen inklusive – dem einzigen reinen Textwerk, einem leidenschaftlichen Antikriegsgedicht, verfasst und vorgetragen von Hannah Riesen. Eine Aussage kann man getrost treffen: Wäre diese Ausstellung in der Ausstellung wie jene auch weiterhin zu sehen, viele Betrachter wären des Lobes und des Dankes voll.

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