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Ist Kiel jetzt am Zug?

Bahnverkehr im Norden Ist Kiel jetzt am Zug?

„Zurücktreten bitte“: Wer dem am Bahnsteig zwischen Kiel und Hamburg folgt, erblickt seit Kurzem Überraschendes: Die Deutsche Bahn fährt mit neuen Doppelstockwagen in auffälliger Farbgebung. Kiel ist immer besser angebunden in Schleswig-Holstein – unter den meisten Gesichtspunkten.

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Die neuen gemischt-grünen Doppelstockwagen ersetzen zurzeit die klassisch-roten Exemplare der Deutschen Bahn zwischen dem Hauptbahnhof Kiel und Hamburg.

Quelle: Niklas Wieczorek

Kiel. Als vor einem Jahr die neue Strecke mit zusätzlichen Halten zwischen Rendsburg und Kiel eingeweiht wurde, freute sich eine ganze Region – vor allem die Bewohner der wieder an die Landeshauptstadt angeschlossenen Orte Bredenbek, Achterwehr oder Melsdorf. "Das ist bundesweit ein Trend", sagt Karl-Peter Naumann, Pressesprecher des Fahrgastverbandes Pro Bahn, "zurück zur Schiene, Schiene ist verlässlich. Und wenn ich sie schon habe, kann ich sie auch nutzen." Die Bahn hält wieder auf dem Dorf, hieß es und wie beim neuen Zwischenhalt Kronshagen zwischen Kiel und Flensburg soll diese Strategie jetzt fortgesetzt werden: So kündigte Verkehrsminister Reinhard Meyer (SPD) an, die Strecke Kiel – Schönberger Strand wieder in Betrieb zu nehmen. „Das ist kluger Nahverkehr“, sagte Meyer zur Renaissance der kleinen Halte.

Eine Bahnfahrt ist noch immer ein Zwischenerlebnis: Im Gegensatz zum Bus wissen längst nicht so viele Fahrgäste, wie ein Zug bewegt oder gar gesteuert wird. Gleichzeitig stößt eine Eisenbahn nie in solch ungewohnte Sphären vor wie ein Flugzeug, ist sie doch geerdet. In gleitender Regelmäßigkeit bringen Züge ans Ziel: Auf Reisen, Ausflügen und auf dem Weg zu Arbeit, Ausbildung, Schule oder Studium. Deshalb sind auch die Regionalbahnen um Kiel ein vielfach diskutiertes Thema, wie Beschwerden über Bahnsteigausstattung und Pünktlichkeit in Achterwehr und Russee nach einem Jahr zeigen. Zur Beschleunigung wurden beide zu Bedarfshalten degradiert.

Pünktlichkeit und Ausstattung verbessern will die Deutsche Bahn aber nicht nur zwischen Kiel und Rendsburg und Kiel und Flensburg, wo kleinere Dieseltriebwagen der LINT-Klasse fahren, sondern auch auf den Premiumstrecken: Zwischen Kiel und Hamburg sind laut Robert Guggenberger jetzt „High-Class“-Mittelwagen unterwegs. Guggenberger ist Teilnetzmanager Mitte und für die Wagen auf zwei von Schleswig-Holsteins Kernlinien von Kiel und Flensburg in die Hansestadt Hamburg verantwortlich.

Foto: Zufrieden mit den neuen Doppelstockwagen: Robert Guggenberger ist Teilnetzmanager in Schleswig-Holsteins Netz Mitte der Deutschen Bahn.

Zufrieden mit den neuen Doppelstockwagen: Robert Guggenberger ist Teilnetzmanager in Schleswig-Holsteins Netz Mitte der Deutschen Bahn.

Quelle: Niklas Wieczorek

Die meistgenutzte Strecke ist keiner der beiden: Die verläuft von Lübeck nach Hamburg, insbesondere der Abschnitt zwischen Ahrensburg und Hamburg ist beliebt, gibt Dennis Fiedel, Sprecher der Nahverkehrskooperation Nah-SH an. Hier sind an einem durchschnittlichen Tag bis zu 28700 Menschen unterwegs. Die Fahrgastzahlen auf allen Kernstrecken wachsen stetig und – selbst wenn es mancher Passagier nicht wahrhaben will – auch die Pünktlichkeit wurde verbessert: Im zuletzt erhobenen Jahr 2014 waren laut Nah-SH 92,1 Prozent der Nahverkehrszüge pünktlich, 2013 waren es noch 91,8 Prozent. "Auf den Schienenachsen in die Großstädte ist der Personennahverkehr tendenziell überproportional gewachsen", bestätigt Verkehrsforscher Prof. Carsten Sommer von der Uni Kassel. Generell sei der Nahverkehr auf Schienen in Schleswig-Holstein seit den 90ern wieder klar im Aufwind, sagt Fiedel, nachdem in den 50ern und 60ern aufgebaute Strecken in den 70ern und 80ern wieder geschlossen wurden.

24,44 Millionen bestellte Zugkilometer 2014, 178 Bahnstationen, 1179 Kilometer Netzlänge werden durch sechs Unternehmen bereitgestellt. So sieht das Bahnnetz in Schleswig-Holsteins Nahverkehr insgesamt aus, wie die Bundesarbeitsgemeinschaft des Schienenpersonennahverkehrs (BAGSPNV) ermittelt hat. Damit liegt der Norden im Mittelfeld – wenn man es denn vergleichen kann. Denn nicht in jedem Bundesland gibt es nur einen Zweckverband wie Nah-SH in Schleswig-Holstein. In Nordrhein-Westfalen sind drei Aufgabenträger verantwortlich, in Sachsen sogar fünf.

Schienennahverkehr in Deutschland
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Mit dieser Einmütigkeit im Norden hat auch das Aussehen der neuen Züge zwischen Kiel und Hamburg zu tun. Von außen kommen deren Mittelwagen im von Nah-SH präferierten Design mit giftgrünen Türen und Grundton in petrol daher. Darauf prangt der Werbeslogan des Landes: „Schleswig-Holstein. Der echte Norden“. Ist die Farbgebung noch Geschmackssache, soll die Innenausstattung laut Guggenberger jeden Fahrgast begeistern: Klappbare Mittelarmstützen, Leselampen, Steckdosen, höhenverstellbare Kopflehnen, Tische in Vierer- sowie Zweierkombinationen, dort sogar mit Laptopbügel. Die Ausstattungsmöglichkeiten des Herstellers Bombardier wurden in der zweiten Klasse ausgereizt, weiß Guggenberger.

 

Zwei Millionen Euro koste einer dieser Wagen – den Großteil davon zahle die Deutsche Bahn Regio AG, die auf den fahrgastintensiven Strecken wie dieser plant, Investitionen über Fahrkartenverkäufe auszugleichen. Bei der Einführung der neuen Wagen lief allerdings nicht alles nach Plan: 2011 ausgeschrieben, sollten eigentlich bereits 2014 zur Einweihung des Netzes Mitte neue Doppelstockzüge zwischen Kiel und Hamburg verkehren. Doch Bombardier hatte zunächst nur eine Weiterentwicklung der alten Wagen geplant und musste nach Auflagen des Eisenbahnbundesamtes komplett neu entwerfen. Zwei Jahre später sind es jetzt zunächst die Passagierwagen, die zwischen die roten Triebwagen und alten Doppelstockwagen der Deutschen Bahn gespannt werden.

Einige Stimmen von Fahrgästen aus den neuen Doppelstockwagen der Deutschen Bahn zwischen Kiel und Hamburg.

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15 der Wagen sind schon in Betrieb, zwölf weitere sollen schnell folgen. Darin soll für den Fahrgast der Komfort deutlich höher sein: „Es fährt sich jetzt wie ein Wasserbett“, verspricht Guggenberger. Im Betriebshof Kiel sagt er mit Blick auf einen der alten SH-Express-Wagen, die bis vor Kurzem noch zwischen Hamburg und Flensburg verkehrten: „Mit der alten Stahlfeder merkte man jede Erschütterung – auch akustisch.“ Beschwerden über Schaukeln, wie im neuen Doppelstock-IC, hat Guggenberger bisher kaum erhalten: "Die neuen Doppelstockwagen sind durch den Hersteller Bombardier im Rahmen der Produktpflege hinsichtlich der Fahreigenschaften optimiert worden und bieten damit eine noch höhere Laufruhe", so der Manager, "wir nehmen konkrete Hinweise unserer Fahrgäste zur Wahrnehmung eines stärkeren Schwankens zum Anlass, die Situation zu beobachten." Mehr Raum in den Wagen (125 Sitzplätze statt zuvor 136), größere Gepäckablagen und bald auch mögliche Reservierungen sollen den Fahrgästen weiter entgegenkommen.Im Laufe des Jahres 2017, so plant Guggenberger, soll die seit Dezember 2014 „zwischen Hamburg und Neumünster verdichtete Taktung“ noch weiter verbessert werden. Denn dann erwartet die DB Regio AG schlussendlich die neuen kombinierten Trieb- und Passagierwagen, die erheblich „leichter beschleunigen“. Die Fahrtzeit verkürzt sich so um weitere sieben auf 70 Minuten. Das Ziel: In Neumünster sollen die Züge aus Flensburg und Kiel Richtung Hamburg innerhalb von fünf Minuten vereint werden, der Umstieg entfallen. Und so sich die Wagen zügig „gegenseitig erkennen“ – denn das sei die größte Herausforderung dieser „fahrenden Hochleistungsrechner“ – gehe es jede halbe Stunde mit 160 km/h weiter Richtung Hamburg.

Schließlich sei der Bahnverkehr nur weiter am Zug, schätzt Prof. Sommer ein, "wenn er eine attraktive Reisezeit gegenüber Pkw erreichen kann. Sobald er einen Umstieg braucht, sinkt die Attraktivität deutlich." Die junge Generation, die weniger auf das Statussymbol Auto setze und auch Zuwanderer, die zumeist kein Auto besäßen, seien weitere Chancen für den Personennahverkehr. Auch Fahrgastvertreter Naumann, der selbst in Hamburg wohnt, sieht die Strecke zwischen Kiel und Hamburg auf dem richtigen Weg. Für ihn liegt die Baustelle in der Anbindung der Landeshauptstadt Richtung Lübeck. "Es gibt zwar immer wünschenswerte Strecken, die geographisch nicht möglich sind wie beispielsweise einen Tunnel von Heikendorf unter der Förde zu bauen", sagt Naumann. Doch er schließt ab: "Zwischen Kiel und Lübeck gibt es noch Potential zur Verbesserung. Da muss etwas passieren."

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Ein Artikel von
Niklas Wieczorek
Lokalredaktion Kiel/SH

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