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Die Reporterin aus dem Gerichtssaal

Barbara Kotte wird 80 Die Reporterin aus dem Gerichtssaal

Am Donnerstag wird Barbara Kotte 80 Jahre alt. Und am Donnerstag will sie endgültig in den Ruhestand gehen. Mit ihr tritt nicht nur eine gewissenhafte, engagierte Journalistin ab, die durch die Tat von Marianne Bachmeier plötzlich im Rampenlicht stand, sondern auch der Motor der Kieler Tafel.

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Barbara Kotte wir am Donnerstag 80 Jahre alt.

Quelle: Volker Rebehn

Kiel. Barbara Kotte hat ein altes Buch herausgelegt, in Leder gebunden, Büttenpapier mit Goldschnitt und noch etlichen leeren Seiten.Das Buch begleitet sie seit ihrer Kindheit in Ostberlin. Schon damals will sie Journalistin werden. Und als sie den „Endkampf“ miterleben muss, schreibt sie all ihre erschreckenden Erlebnisse in diesem Buch nieder. Überschrift: Unsere Befreiung.

 Später flüchtet die Familie nach Niedersachsen. Nach dem Abitur studiert die Tochter eines Journalisten in Berlin und Münster Germanistik, Geschichte und Publizistik, wird zur Promotion angenommen, will im 9. Semester ihre Doktorarbeit schreiben. „Doch dann ist alles schief gegangen“, sagt Barbara Kotte heute. Denn ihr Doktorvater muss plötzlich die Universität Münster verlassen. „Man warf dem Professor Verfehlungen vor, doch für uns war klar, dass politische Gründe hinter dem Rauswurf standen. Für mich bedeutete es das Aus der Promotion und das Ende der Universitätszeit.“

 Barbara Kotte ist da bereits mit einem Schweizer Journalisten verheiratet, bringt in drei Jahren drei Kinder zur Welt. Weil ihr Mann seinen Arbeitsplatz regelmäßig wechselt, zieht sie mit ihm kreuz und quer durch Deutschland, kümmert sich um die Kinder – und sucht nach Möglichkeiten, frei zu arbeiten. „Mein Mann und ich hatten die gleiche Ausbildung, ich habe nicht eingesehen, dass ich nur noch zu Hause bleiben sollte.“ Ein Zufall hilft ihr: Als sie in Gütersloh lebt, findet sie in einem Keller ein altes Haushaltsbuch mit Rezepten – und einer Anleitung, Leichen zu konservieren. Im Nachhinein wirkt dieser Fund wie ein Wink des Schicksals. Denn als sie ihn in einem Artikel verarbeitet, beginnt mit der Veröffentlichung in der „Welt“ ihre Karriere, die sie zu einer gefragten Gerichtsberichterstatterin machen wird.

 1970 trennt sie sich von ihrem Mann, zieht mit den Kindern von Stuttgart nach Kiel. „Das war die richtige Entscheidung. Kiel hatte viele Möglichkeiten für die Kinder, außerdem gab es hier Medien und damit Verdienstchancen.“ Sie bereut auch nicht, dass sie in Mettenhof landete: „Als alleinstehende Mutter mit drei Kinder bekam ich nur dort eine Wohnung.“ Sofort arbeitet sie in der Redaktion der „Zeitung für Mettenhof“ mit.

 Sie bringt sich bei, mit einem Uher-Aufnahmegerät zu arbeiten, macht damit Hörfunkreportagen für Südwestfunk und NDR, schreibt für Welt, FAZ, Morgenpost, später auch fürs Hamburger Abendblatt, dpa, die Zeit und die Kieler Nachrichten. Eines Tages soll sie über ein Familiendrama berichten: Ein junger Mann wird angeklagt, mehrere Angehörige getötet oder schwerst verletzt zu haben. „Es war schrecklich, die Tateinzelheiten anzuhören. Ich habe mehr geschlottert als der Angeklagte“, erinnert sich Barbara Kotte. Aber was sie nachher auf ihrer Schreibmaschine zu Hause schreibt und in verschiedenen Versionen durchtelefoniert, überzeugt die Redaktionen. Es dauert nicht lange, und sie arbeitet nur noch in der Gerichtsberichterstattung. Auch 1980, als der mutmaßliche Mörder der Tochter von Marianne Bachmeier in Lübeck vor Gericht steht. Die Verhandlung endet am zweiten Tag: Marianne Bachmeier erschießt den Angeklagten im Gerichtssaal. Barbara Kotte ist die einzige Journalistin, die in diesem Augenblick im Raum ist. An diesem Tag ist sie die gefragteste Reporterin der Republik. Noch heute wird sie mit der Selbstjustiz von Marianne Bachmeier konfrontiert. „Gerade erst hat mich wieder jemand angerufen, der ein Buch über Bachmeier schreiben will.“ Sie hat abgelehnt. Der Ansatz hat ihr nicht gepasst.

 Sie schreibt über die Diebesbande, die Herrenhäuser im Land ausraubt und in die ein Chefarzt aus Hessen verwickelt ist, über den Münzdiebstahl in der Kieler Kunsthalle, den bis zuletzt ungeklärten Tod eines Tierarztes durch E 605… Doch als ihr 1990 ein guter Vertrag beim Tourismusverband Schleswig-Holstein angeboten wird, betritt sie nie mehr einen Gerichtssaal. „Es war genug.“ Zumindest beruflich, denn sie engagiert sich fortan 13 Jahre lang ehrenamtlich im Anstaltsbeirat der Kieler Justizvollzugsanstalt und ab 2005 in der Kieler Tafel. „In unserer Familie sind viele sehr alt geworfen. Da dachte ich, ich kann mit 70 noch einmal etwas Neues anfangen. Ich habe mir vorgestellt, dass ich Lebensmittel ausgebe an Menschen, die sich darüber freuen.“ Doch schnell geht ihr Einsatz bei der Tafel über das hinaus: Sie initiiert und realisiert die elektronische Zeitung „Tafel aktiv“, wird 2008 in den Vorstand gewählt, sie wirbt unermüdlich um Sponsoren, Mitglieder und neue Helfer, hebt die Sozialkirche mit aus der Taufe und arbeitet zweimal in der Woche im Betrieb, springt immer ein, wenn Not am Mann ist. Wenn‘s sein muss, jeden Tag. „Sie führt die Kieler Tafel auf ihre ruhige und unaufgeregte, aber stets engagierte Art sehr teamorientiert – Hauptsache, der Tafelbetrieb läuft „rund““, sagt ihr Vorstandkollege Frank Hildebrandt. „Es liegt ihr nicht besonders, im Rampenlicht zu stehen, und doch tut sie es immer wieder im Interesse der guten Sache.“ Damit ist ab Donnerstag Schluss, hat sich Barbara Kotte vorgenommen. Japan wartet, das Land, in dem sie auf vielen Reisen Freunde gefunden hat.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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