16 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Eine Konferenz ganz ohne Programm

Barcamp Kiel 2017 Eine Konferenz ganz ohne Programm

300 Menschen, die meisten haben das Smartphone zum Twittern griffbereit, stehen in der Eingangshalle des Wissenschaftszentrums. Sie warten darauf, dass die Moderatoren den Startschuss für das Barcamp geben.

Voriger Artikel
Heimerfolg für Leif Schröder-Groeneveld
Nächster Artikel
Kieler sollen über Zukunft entscheiden

300 Teilnehmer erfahren bei der Einleitung die Regeln des Barcamps - und sehen auf der „Social Wall“ in Echtzeit die Reaktionen in Sozialen Medien

Quelle: Sven Janssen

Ravensberg. Sobald das passiert, drängt eine Menschenmasse Richtung Treppe, um die Zuhörer von ihrem Vortragsthema zu überzeugen. Bei Barcamps hat nur der Grundgedanke mit einer klassischen Tagung zu tun. Ansonsten ist eigentlich alles anders: kein geplantes Programm, keine festen Redner, kein Frontalunterricht, kein Siezen, keine Kosten. Deshalb hat sich auch der Begriff „Unkonferenz“ etabliert. Jeder, der Lust hat, etwas zu präsentieren, darf sich zu Beginn melden. Dann versucht er, mit wenigen Stichworten mindestens eine handvoll Leute von seiner Idee zu begeistern. Kommt das Thema an, wird dem Referenten ein Raum und eine Zeit zugewiesen. Das geht so weiter, bis der Zeitplan der zwei Tage voll ist.

Es gibt keinen Plan B

Ein strenges Überthema gibt es nicht, viele der „Sessions“ – so heißen hier die Vorträge – drehen sich aber um digitale Themen: Zuhörer können Pizza mit Bitcoins bestellen, um die elektronische Währung besser kennenzulernen. Oder sie können erfahren, welche ihrer Daten dank der Nutzungsbedingungen von Whatsapp in die USA wandern. Ebenso gibt es Diskussionen über die Gesundheit am Arbeitsplatz und Unternehmen ohne Chef.

Und wenn sich mal keiner meldet? „Dafür gibt es, ehrlich gesagt, keinen Plan B“, sagt Jan Winters, Mitglied des zehnköpfigen Organisationsteams. Der sei aber auch gar nicht nötig: „Wer hierherkommt, brennt für das Thema und hat Bock. Ich habe noch nie ein Barcamp gesehen, auf dem es zu wenige Vorträge gab.“ Und Bock scheinen viele zu haben: Die Veranstaltung ist komplett ausgebucht. Dieses Mal gibt es so viele Themenvorschläge, dass sogar überlegt wird, die Mittagspause gegen weitere Sessions einzutauschen.

„Dafür sind unsere Sponsoren unersetzbar“

Auch in den Vorträgen ist sofort spürbar, dass jeder einzelne gerne hier ist, in vielen Fällen kommt der Dozierende vor lauter Fragen und Ideen kaum zum Reden. Genau das ist der Grundgedanke: Jeder darf und soll etwas beitragen. „Nur so entwickelt man sich weiter, kommt auf neue Ideen und kann seine eigene Denkweise hinterfragen“, sagt einer der vielen freiwilligen Dozenten. Für den gemeinschaftsbasierten Gedanken ist den Organisatoren wichtig, dass das Barcamp für jeden zugänglich ist. „Dafür sind unsere Sponsoren unersetzbar“, sagt Jan Winters. Nur so könne die Veranstaltung ohne Eintrittskosten auskommen.

Viele reden in diesem Zusammenhang vom lockeren „Barcamp-Spirit“. Den darf auch Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) erfahren, als er die Unkonferenz besucht. Vor der Tür fällt ihm auf, dass sein Outfit zu edel für den lässigen Dresscode ist. „Der Schlips passte hier nicht, also nahm ich ihn ab, und sofort wurde ich geduzt.“ Er ist der Meinung, dass die Region von Veranstaltungen wie dem Barcamp profitiert. Schleswig-Holstein sei beim Thema Digitalisierung gut aufgestellt, es gebe aber auch viele Bereiche, in denen noch Handlungsbedarf bestehe. Besonders der Netzausbau und die Nutzung technischer Möglichkeiten innerhalb der Verwaltung liegen dem 44-Jährigen am Herzen. Wichtig sei auch, „den Menschen die Angst zu nehmen, dass Digitalisierung ihnen die Arbeitsplätze wegnimmt.“ Langfristig werde Schleswig-Holstein durch die Digitalisierung sogar Arbeitsplätze hinzugewinnen, zeigte sich Günther optimistisch.

Zeitplan ist noch oldschool

Von fehlender Vernetzung kann im Barcamp nicht die Rede sein: Alle Teilnehmer haben freien Internetzugang, auf der Social-Wall im Treppenhaus aktualisieren sich sekündlich die neusten Tweets zur Veranstaltung. Nur der Zeitplan ist noch oldschool, auf ganz normalem Papier geschrieben.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Jonas Wirth

Mehr aus Nachrichten aus Kiel 2/3