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Barg: Bin kein Spaßkandidat

OB-Wahl in Kiel Barg: Bin kein Spaßkandidat

Vier Männer und eine Frau wollen als Oberbürgermeister-Kandidaten bei der Direktwahl am 28. Oktober das Kieler Rathaus erobern: Susanne Gaschke (SPD), Gert Meyer (CDU), Andreas Tietze (Grüne) sowie die parteiunabhängigen Kandidaten Jan Barg und Matthias Cravan. In der letzten Woche vor der Wahl beleuchten wir die persönlichen Seiten der Kandidaten in einer Porträtreihe.

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Von seinem Wahlergebnis lässt sich Jan Barg „einfach überraschen”. Trotz der nicht immer nur positiven Erfahrungen der vergangenen Wochen will er politisch weiter aktiv bleiben in Kiel.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. Erster Händedruck, erster Blick ins Gesicht, erstes Erstaunen: Der Mann kann ja lächeln, sogar relativ entspannt so kurz vor dem Endspurt bis zum Wahltag. Auf seinen Wahlplakaten oder manchen Fotos in Zeitungen oder Stadtmagazinen blickte Jan Barg eher ernst, introvertiert, ja fast grimmig. Zufall ist das nicht, auch wenn sich der 37-Jährige auf vielen Fotos unvorteilhaft dargestellt fühlt. „Ich bin eben kein Spaßkandidat. Das Kämpferische, der Protest sollte in meinem Gesicht schon zum Ausdruck kommen. Ein Lächeln fand ich da nicht angebracht.“

Sein mächtigster Gegner im Wahlkampf sind offenbar nicht die anderen OB-Kandidaten. Es war die Zeit, die ihm ständig im Nacken saß. Schon bei der Sammlung der nötigen 245 Unterschriften für die Zulassung als parteiunabhängiger Kandidat. Erst in der letzten Minute bekam Jan Barg sie zusammen. Dann musste die Wahlkampf-Homepage mit Inhalten gefüllt werden. Fünf Tage harter Arbeit habe das gekostet. Und dann noch der Job in einer Steuerberatungskanzlei. Da sei nicht mehr viel Zeit für Wahlkampftermine oder politische Überzeugungsarbeit an Wohnungstüren geblieben.

Auch der Umgang mit Öffentlichkeit sei ihm nicht leicht gefallen. Als Parteiunabhängiger ohne entsprechende Unterstützung und Erfahrung hätten manche Medien ihn schon „ziemlich hart angefasst“. Der ganze Stress hat ihn, wie er bekennt, „etwas aus dem Tritt“ gebracht und an seine Grenzen geführt. Natürlich denke er darüber nach, ob sich die Idee zur Kandidatur mit all den so nicht erwarteten Konsequenzen in einem zufriedenstellenden Wahlergebnis auszahlen wird. Eine Zahl mag Barg nicht nennen: „Ich lasse mich da einfach mal überraschen.“

So kurz vor dem Wahlkampfende wirkt Jan Barg fast entspannt, nippt an der Tasse mit Salbeitee – und lächelt. Denn er freut sich jetzt schon auf die kleine Belohnung, die er sich nach dem Stress gönnen will: eine Woche Urlaub auf Madeira mit einem Freund. Das Motiv des riesigen Posters über dem Bett in dem engen Zimmer der Fünfer-WG illustriert seine Gedanken: eine leere Hängematte zwischen Palmen mit einer überirdisch künstlichen blauen Lagune im Hintergrund.

Was er in der Rückschau anders machen würde? „Im Vorfeld des Wahlkampfs mehr Zeit nehmen und vielleicht einen Sponsor an Land ziehen.“ Trotz der nicht immer nur positiven Erfahrungen der vergangenen Wochen will Jan Barg auch künftig politisch weiter aktiv bleiben in Kiel. Es gebe Überlegungen, sich einer Oppositionspartei anzuschließen. Welcher, mag er nicht sagen. Es sei noch zu wenig konkret, so richtig „warm geworden“ sei er bislang noch mit keiner Partei.

Auch als bekennender Anhänger des Fußballsports bleibt der Single eher unentschieden. So gehöre er zur seltenen Spezies von Fans, die sowohl dem HSV als auch St. Pauli die Daumen drücken. Ebenfalls noch nicht so ganz klar sind seine beruflichen Ambitionen. Auf jeden Fall eine Weiterbildung strebt er nach seinem abgeschlossenen Volkswirtschaftsstudium an. Vielleicht zum Bilanzbuchhalter, vielleicht auch etwas anderes.

Gegen Ende des Gesprächs ist sie dann plötzlich wieder da: die Skepsis im Gesicht von Jan Barg. Ein Foto im WG-Zimmer? Vielleicht sogar vor dem Hängematten-Palmen-Poster? Nein, das komme nicht infrage. Solchen „Kasperkram“ mache er nicht mit. Nach Dutzenden von Aufnahmen auf der Straße stimmt Jan Barg endlich einem Porträt-Motiv zu, das seinem Selbstbild am ehesten zu entsprechen scheint: ein Gesichtsausdruck irgendwo zwischen kämpferischem Protest und einem Anflug sich allmählich lösender Anspannung.

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Ein Artikel von
Jürgen Küppers
Lokalredaktion Kiel/SH

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