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Brandopfer stehen vor dem Nichts

Benefizkonzert im "Prinz Willy" Brandopfer stehen vor dem Nichts

Die dramatischen Sekunden ihrer Rettung hat Johanna Baumgarten wie in Trance erlebt. Die 26-Jährige schlief mit Ohrstöpseln, als das verheerende Feuer am vorvergangenen Montag in dem Mehrfamilienhaus in der Feldstraße 85 ausbrach. Sie hörte zwar einen Knall, doch erst als ein Mitbewohner sie aus ihrem Bett riss, realisierte sie die Situation. 15 Sekunden dauerte es, bis sie barfuß und im Nachthemd auf der Straße stand. Die junge Frau hat fast alles verloren.

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Johanna Baumgarten und ihr Freund Marvin Göldner machen gute Miene zum bösen Spiel, als sie in Schutzanzügen die Wohnung besichtigen. Kaum ein Gegenstand ist nach dem Brand noch brauchbar.

Quelle: privat

Kiel. Das Prinz Willy veranstaltet am Dienstag ein Benefizkonzert für seine Mitarbeiterin Johanna Baumgarten, damit sie sich beispielsweise wieder Bücher und einen Computer für ihr Jurastudium kaufen kann.

 „Raus, raus, raus.“ Das war das Erste, was Johanna Baumgarten hörte, als sie von ihrem Mitbewohner um 2.49 Uhr wachgerüttelt wurde. Mit ihr lebten noch zwei Personen in der Wohnung im ersten Geschoss über dem Dönerladen, den der Betreiber mutmaßlich anstecken ließ. Er soll nach Angaben der Polizei zwei 20 und 22 Jahre alte Männer dazu angestiftet haben. Beide kippten mehrere Kanister Benzin in die Räume, unterschätzten die Feuersbrunst und erlitten schwere Verbrennungen. „Der Betreiber sitzt in Haft und macht keine Aussage. Einer der jungen Männer liegt noch im Krankenhaus, der andere ist auf freiem Fuß“, sagte Polizeipressesprecher Oliver Pohl.

 In der Brandnacht wollten Johanna Baumgarten und ihre beiden Mitbewohner raus aus der Wohnung und rissen die Tür auf. „Das Treppengeländer stand schon voll in Flammen, ein Durchkommen war nicht mehr möglich.“ Die 26-Jährige schlug mit aller Kraft die Tür wieder zu und versenkte sich dabei die Haare und Wimpern. „Wir sind auf den Balkon gerannt und irgendwie herunter geklettert.“ So richtig kann sie sich an die surreale Situation nicht mehr erinnern. „Ich hatte einen Schock und fand mich plötzlich auf der Straße wieder, noch bevor die Feuerwehr da war.“ Zu dem Zeitpunkt brannte das Haus bereits lichterloh, die Flammen schlugen aus dem Dach. Auch anderen Bewohnern gelang die Flucht aus der Feuerhölle, andere rettete die Feuerwehr buchstäblich in letzter Sekunde über Steckleitern von ihren Balkonen.

 Der Tag danach war geprägt von Fassungslosigkeit. „Wir durften in die Wohnungen, um noch Dinge mitzunehmen, doch da war kaum noch etwas zu retten“, erzählte die Jurastudentin. Ihr Computer ist verschmort, viele Bücher und Uni-Unterlagen unbrauchbar, Möbel angekokelt, die Kleidung durchsetzt von Brandgeruch. Und: Ihr Mobiltelefon ist verschwunden, 50 Euro fehlen, ein Mitbewohner vermisst einen Ring. „Das haben wir angezeigt. Es ist möglich, dass nach dem Feuer jemand noch vor uns in der Wohnung war“, sagte sie. Schlimmer aber ist, dass alle 30 Mieter ihr Dach über dem Kopf verloren haben. „Ich habe erst bei einer Freundin geschlafen und bin dann zu meinen Eltern nach Neuendorf bei Elmshorn zurückgekehrt“, sagte Johanna Baumgarten. Sie pendelt jetzt nach Kiel, um sich eine neue Wohnung zu suchen und an die Uni zu fahren.

 Das Prinz Willy hat spontan auf die Not seiner Mitarbeiterin reagiert. Unter dem Titel „Lone Rider – A Tribute to Johnny Cash and Friend“ findet am Dienstag um 19.30 Uhr in der Lutherstraße 9 ein Benefizkonzert statt. Der Eintritt ist frei, die Veranstalter wollen aber mit einem Hut herumgehen und Spenden für Johanna Baumgarten sammeln, damit sie sich das Nötigste kaufen kann.

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