11 ° / 5 ° Regenschauer

Navigation:
Bestellte Kunst aus der Sprühdose

Gaarden Bestellte Kunst aus der Sprühdose

Kaum etwas bewegt sich so extrem zwischen Ärgernis und Kunst wie Graffiti. Hauseigentümerinnen in Kiel-Gaarden schicken sich jetzt vermehrt an, ihre Fassaden von Sprühkünstlern verschönern zu lassen. Das sieht gut aus, und die Sache mit illegalen Farbattacken hat sich dadurch nach aller Erfahrung auch erledigt.

Voriger Artikel
Altstadt: Verschläft Kiel sein Potenzial?
Nächster Artikel
Ohne Auto bewegt durch den Alltag

Thematisch passend: Sim Levi (28) von der Firma „Baltic Art“ sprüht auf die Fassade des Hauses in der Reeperbahn 12 gerade Bilder aus einer alten Seilerei.

Quelle: Martin Geist

Kiel. Eine Initiative des von Haus & Grund getragenen Eigentümerbündnisses „Wohnwert Gaarden“ und des Wirtschaftsbüros im Stadtteil hat sich sogar eine regelrechte Strategie ausgedacht. Nicht einfach irgendwas Nettes soll die Fassaden zieren, sondern ein Motiv mit unmittelbarem Bezug zum Namen der Straße, in der das jeweilige Haus steht. Zu sehen ist das am Gebäude Kirchenweg 37. Dessen Fassade zeigt neuerdings ein großflächiges Graffiti-Werk, das die Weltreligionen zum Thema macht.

 Gerade in Arbeit ist ein weiteres Motiv in der Reeperbahn 12. Eigentümerin Katja Hogreve überlegte zunächst kurz, die berühmte Hamburger Meile künstlerisch zitieren zu lassen, entschied sich dann aber doch für die historische Interpretation. Das im Werden begriffene Bild zeigt eine klassische Reeperbahn, also eine Seilerei, die in diesem Fall Tauwerk für die Schifffahrt herstellt. Das große Motiv ist schon so gut wie fertig, es fehlen noch Kleinigkeiten wie etwa ein wuchtiger Seemannskopf, der an der Seitenwand vor der Haustür der Sprühdose entweichen soll.

 Katja Hogreve ist begeistert von der Idee, Kunst am Haus mit Straßennamen in Verbindung zu bringen. „Das schafft Identität und zeigt, wie kreativ Gaarden ist“, meint die Frau, die mehrere Mietshäuser im Stadtteil besitzt. Ursprünglich ist sie aber aus anderen Gründen zum Graffiti-Fan geworden. Sie ärgerte sich, dass gerade das Haus an der Reeperbahn immer wieder von Möchtegernkünstlern verunstaltet wurde und beauftragte einen Profi, richtiges Graffiti zu machen. 16 Jahre hielt das ursprüngliche Motiv, des jetzt der Reepschlägerei gewichen ist, illegale Sprühereien gab es in dieser Zeit so gut wie gar nicht.

Die Queen auf dem Garagentor

 Inzwischen ist es für Hogreve Motivation genug, den Straßen ein künstlerisches Gesicht zu geben. Was durchaus nicht immer an Fassaden geschehen muss. An der Ecke Elisabethstraße/Georg-Pfingsten-Straße hat sich die Vermieterin einen hässlichen grauen Telekom-Kasten ausgeguckt, den bald – mit bereits vorliegendem Einverständnis der Telekom – das Konterfei von Georg Wilhelm Pfingsten verschönern soll. Pfingsten, 1746 in Kiel geboren, gilt als Begründer der schleswig-holsteinischen Taubstummenhilfe. Wenige Meter entfernt am Haus Elisabethstraße 114 sieht ein verschmiertes Garagentor ebenfalls besseren Zeiten entgegen: Vorgesehen ist ein Popart-Konterfei der britischen Queen.

 „Wir hoffen, dass viele mitmachen“, betont Katja Hogreve. Nachahmer seien ausdrücklich erwünscht. Und Jasmin Tarhouni vom Wirtschaftsbüro Gaarden, träumt sogar schon davon, eines nicht sehr fernen Tages Urban-Streetart-Touren zu Häusern und Straßen im Stadtteil anbieten zu können.

 Die Kompetenz für weitere Sprühtaten ist auf jeden Fall da. Sim Levi, angehender Techniker für Elektromobilität, entdeckte diese Technik vor fünf Jahren und war nach eigenen Worten „sofort verliebt“ darin. Er stürzte sich vehement in die Materie und fand mit der Zeit Bewunderer und Auftraggeber genug, um sein Hobby in professionelle Bahnen zu lenken. Inzwischen betreibt er die Firma „Baltic Art“ und arbeitet in ganz Schleswig-Holstein. In Kiel sind seine Bilder oftmals nur in Innenräumen zu sehen. Umso mehr freut sich der 28-Jährige, der für die Sprühkunst im Kirchenweg wie auch in der Reeperbahn verantwortlich zeichnet, dass seine Arbeiten nun in Gaarden Teil des öffentlichen Raumes sind.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten aus Kiel 2/3