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Kiel gilt als eine einzige Verdachtsfläche

Bombenfunde Kiel gilt als eine einzige Verdachtsfläche

Mehr als 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs leidet Kiel noch unter den Folgen des damaligen Dauerbombardements. Da immer häufiger der Kampfmittelräumdienst anrücken muss, verzögern sich große Bauprojekte in Kiel nach Angaben der Stadt nicht nur erheblich, sie werden auch deutlich teurer.

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Diese amerikanische Fliegerbombe wurde auf dem Ostufer entschärft. Die Einsätze der Kampfmittelräumer häufen sich.

Quelle: Frank Behling

Kiel. Ein Blick in die Statistiken des Kampfmittelräumdienstes, der beim Landeskriminalamt (LKA) angesiedelt ist, alarmiert: In ganz Schleswig-Holstein holten Sondertrupps 2011 fast 100 Bomben aus dem Boden, dazu neun Großbomben und Zehntausende andere Sprengkörper. Im vergangenen Jahr waren es landesweit 680 kleinere Bomben und 16 Großbomben. Fast im Monatstakt ereilen die Bürger in Kiel entsprechende Warnungen bis hin zu Straßensperrungen und Evakuierungen.

 Der Anstieg seit etwa fünf Jahren hat mehrere Gründe: Feinere und genauere Aufspür- und Messverfahren entdecken Bomben auch noch in einer Tiefe von acht Metern. Die gängige Verfahrenspraxis, unbebaute Grundstücke auf mögliche Sprengkörper zu untersuchen, war bisher von Tiefen bis zu drei Metern ausgegangen. Jetzt werde der Boden bis zu sechs Meter Tiefe sondiert, berichtet Kiels Bürgermeister Peter Todeskino (Grüne). Zudem haben sich nach tragischen Unfällen die Arbeitsschutzbestimmungen für die Sondertrupps verschärft. Als weiteren Grund führt LKA-Sprecher Stefan Jung den Ansturm aufs Betongold an: Angesichts niedriger Zinsen werde im Land so viel neu gebaut wie schon lange nicht mehr.

 Was der Aufwand an Zeit und Geld die Stadt Kiel kostet, kann Todeskino an aktuellen Bauprojekten festmachen. Bei der Erschließung für neue Wohngebiete im Kieler Süden in Meimersdorf dauerte die Untersuchung von zehn Verdachtspunkten, die die Auswerter auf Luftaufnahmen entdeckt hatten, bis zur Entwarnung von September 2014 bis April 2015. Das bedeutete eine Million Euro Mehrkosten für die Stadt. 370000 Euro musste die Stadt für die deutlich schwierigeren Erkundungen unter Wasser beim Reventlou-Anleger aufwenden, dessen Fertigstellung sich dadurch um Monate verzögerte. 200000 Euro wurden für die Sondierung des Grundstücks für das Hörn-Bad fällig. Grund zur Sorge auch für das benachbarte Areal: Nicht weit vom geplanten Sport-und Freizeitbad entfernt sollen auf städtischen Flächen etliche Wohnungen und der Neubau der Investitionsbank entstehen.

 „Die Zeit und der Mittelaufwand sind erforderlich zum Schutz von Menschen“, betont Todeskino, der deshalb auf keinen Fall Kosten gegeneinander aufrechnen will. Kiel sei als Marine- und Werften-Standort von Luftangriffen besonders betroffen gewesen, erwartet Jung in den nächsten Jahren einen weiteren Anstieg der Einsätze. „Ganz Kiel ist eine einzige Verdachtsfläche“, erklärt Udo Weißel vom städtischen Tiefbauamt. Das gilt auch für die Nachbarn: Zu den 166 Gemeinden, die laut Liste des Räumdienstes als noch nicht kampfmittelfrei gelten, zählen die meisten Kommunen in der Kieler Region. Konsequenzen hat die Erblast des Krieges so auch für private Bauherren, auch wenn sie im Gegensatz zu Kommunen und Unternehmen für Untersuchungen nichts bezahlen müssen. Wollen sie ein Haus auf einem unbebauten Grundstück bauen, müssen sie die Freigabe abwarten. Derzeit, so Jung, brauche die Behörde dazu etwa acht bis zehn Wochen.

 Bei den Bombenräumern türmen sich die Anträge

 Vor allem an der Großbaustelle in Hasselfelde, wo das neue Kieler Gaskraftwerk entstehen soll, ist es in den vergangenen zwölf Monaten immer wieder zum Einsatz von Spezialisten des Kampfmittelräumdienstes gekommen: Neunmal mussten sie anrücken, das bisher letzte Mal im Juni, als sie einen weiteren Blindgänger fanden. Derzeit untersuchen die Experten das Gelände um die Theodor-Storm-Schule weiter. Dort hatten sie vergangene Woche einen Blindgänger 4,5 Meter tief unter dem Sportplatz gefunden. Etwa 3000 Menschen mussten während der Entschärfung ihre Häuser verlassen.

 Etwa 30000 Tonnen Bomben warfen die Alliierten im Zweiten Weltkrieg über Kiel ab. Wie viele der geschätzten 12000 Blindgänger kurz nach dem Krieg entschärft wurden, weiß der Kampfmittelräumdienst nicht, weil das nicht genau kartiert wurde. So muss jedes Areal in Bombenabwurf-Gebieten genau untersucht werden, bevor die Bagger anrollen. Für eine Koppel in Kiel beispielsweise sondiert einer der mittlerweile fünf Auswerter, wie berichtet, teilweise 700 bis 800 von den Alliierten eingekaufte Luftbilder. Ihre Trefferquote liegt bei etwa 17 Prozent. Es sei besonders schwierig, einen Verdachtspunkt in die heutige Landschaft einzumessen, erklärte Stefan Jung, Sprecher des Landeskriminalamtes.

 Wegen der Antragsflut von Bauherren türmt sich die Arbeit beim Kampfmittelräumdienst in Groß Nordsee bei Felde: Lagen 2007 nur 450 Anträge vor, waren es 2014 schon 2470. In diesem Jahr sind es bereits 1750. Eine Liste der „Gemeinden mit bekannten Bombenabwürfen“ ist über das Online-Portal des Landes (Stichwort Kampfmittelverordnung) einzusehen.

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Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

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Ostufer Kiel
Foto: Immer wieder werden Blindgänger auf dem Ostufer gefunden und entschärft. Dieses Foto zeigt einen Fund aus dem September 2014.

Spezialisten des Kampfmittelräumdienstes haben Mittwoch auf einem Sportplatz der Wellingdorfer Theodor-Storm-Schule eine amerikanische 500 Kilogramm schwere Fliegerbombe gefunden. Der Blindgänger wird am Freitag ab 11 Uhr entschärft.

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