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Ächzen, keuchen, fluchen

Bootcamps in Kiel Ächzen, keuchen, fluchen

Wer beim Workout bis an seine Grenzen gehen will, ist beim Bootcamp genau richtig. Das Ganzkörper-Training in der freien Natur wird auch in Kiel immer beliebter. Ein Besuch im Sportpark Gaarden.

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Das Duo Maren Büchmann/Tobias Schröder greift sich die Schiffstaue um Rumpf- und Armmuskulatur zu stärken.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. 32 Grad zeigt das Thermometer an. Viel Reden ist nicht möglich. Die Luft braucht Tobias Schröder für etwas anderes: die Liegestütze. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt. Der 30-Jährige ist das erste Mal beim Bootcamp im Sport- und Begegnungspark Gaarden dabei. Die 14 Mitglieder des Ellerbeker TV starten gerade in Zweier-Teams an den einzelnen Zirkeltraining-Stationen. Nach wenigen Minuten sind die Köpfe der Männer und Frauen rot, die T-Shirts nass geschwitzt.

 „Die meisten kommen nur einmal – und dann nie wieder“, scherzt eine Frau, die gerade über die Sprossen einer auf dem Rasen liegenden Leiter tänzelt. Trainerin Tatjana von Glahn korrigiert sofort den Bewegungsablauf ihres Schützlings: „Beate, nicht auf den gelben Sprossen, sondern innerhalb der Fächer.“ Maren Büchmann, 54, durchtrainiert, bietet Tobias Schröder gleich ihre Hilfe an. Beide nehmen schwarze Gurte in die Hände, sogenannte TRX-Bänder, die an einem Zaun befestigt sind. „Baue jetzt Körperspannung auf, halte diese und ziehe dich aus dem Rücken heraus an die Seile ran“, sagt sie, „wie beim Rudern“. Tobias schnauft. „3, 2, 1 – und bitte zur nächsten Station wechseln“, ruft Tatjana von Glahn ihrer Trainingsgruppe zu.

Drei Runden durchhalten

 Die Teilnehmer müssen jede Übung 40 Sekunden lang durchhalten, dann wird gewechselt. Insgesamt gibt es drei Runden. Danach folgt eine Laufeinheit und es geht wieder von vorne los. Das Besondere an diesem modernen Zirkeltraining: Es findet immer draußen statt, auch bei Regen und Schnee. „Im Winter schafft das eine ganz eigene Stimmung, man kommt sich dann ein wenig vor wie Rocky“, sagt die ausgebildete Fitnesstrainerin. Sie bietet das Bootcamp zweimal pro Woche für den ETV in Gaarden an. „Viele Interessierte schrecken vor unserem Trainingsort zurück, nur weil es Gaarden ist. Ich kann das nicht verstehen, für unser Workout ist das der ideale Ort – und wir wurden hier sehr freundlich aufgenommen“, sagt die 44-Jährige.

 Tobias Schröder spreizt seine Beine, hält einen Medizinball fest in den Händen und geht langsam in die Knie. „Ziehe deinen Bauchnabel schön zur Wirbelsäule, Brust raus, stolz sein“, ruft von Glahn. Der Bootcamp-Neuling grinst, Schweiß rinnt ihm von der Stirn. „Du machst mich fertig“, platzt es aus ihm heraus, „aber ich mach das ja für mich.“ Dreimal schon erlitt Schröder dieses Jahr einen Hexenschuss. Der Lagerist entschloss sich, etwas für seinen Körper zu tun. „Ich muss mein Kreuz unbedingt stärken, und mit dem Rauchen habe ich auch aufgehört“, sagt er. Maren Büchmann legt die Hand auf Schröders Schulter. „Ich hatte auch kleinere Wehwehchen und Probleme mit meinem Rücken. Aber schon nach wenigen Wochen macht sich das Training bemerkbar, glaub mir“, sagt sie.

Fußballtrainer Jürgen Klinsmann war es, der diese Art des Trainings in Deutschland erstmals 2006 praktizierte, als er die Nationalmannschaft auf die Weltmeisterschaft vorbereitete. Hierbei werden alle sportmotorischen Fähigkeiten trainiert und gefördert: Koordination, Beweglichkeit, Ausdauer, Kraft und Schnelligkeit. „In den USA wurde das ganzkörperliche Fitnesstraining schon lange in den Trainingsalltag vieler Spitzensportler und Soldaten eingebaut, auch um Verletzungen vorzubeugen“, sagt Tatjana von Glahn. Mittlerweile sei es eine Trendsportart, die überall ausgeübt werden kann. Gerne wird an öffentlichen Plätzen trainiert, „damit zieht man sofort die Blicke vieler Parkbesucher auf sich“, sagt von Glahn. „Der Name Bootcamp klingt zwar nach Armee, aber natürlich muss sich hier niemanden für den Kriegsfall vorbereiten.“ Die Fitnesswissenschaftlerin lässt ihre Teilnehmer nicht weinend durch den Schlamm robben, sondern will die Leute für den Alltag fit machen.

Wer beim Workout bis an seine Grenzen gehen will, ist beim Bootcamp genau richtig. Das Ganzkörper-Training in der freien Natur wird auch in Kiel immer beliebter. Ein Besuch im Sportpark Gaarden.

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Die Workouts dauern zwischen 45 und 60 Minuten. Sie beginnen mit einer intensiven Aufwärmphase, zu der klassische Warm-Up-Elemente wie Laufen oder Seilspringen sowie ein Techniktraining gehören. Letzteres ist oft mit Kraftübungen verbunden. So werden Kreislauf, Herz, Muskeln und Gelenke in Schwung gebracht. Das ist wichtig, weil es dann richtig zur Sache geht: „Was folgt, ist ein 20- bis 30-minütiges Hochintensitätstraining”, sagt von Glahn. Diese vom Trainer immer wieder neu zusammengestellte Einheit besteht aus einer Reihe von Übungen. Da sie entweder in einer bestimmten Zahl in möglichst kurzer Zeit oder in einer bestimmten Zeit in möglichst hoher Zahl absolviert werden sollen, hat das ganze Wettkampfcharakter. Dabei treten die Sportler nicht gegen die anderen Trainierenden, sondern gegen die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit an. „Wer unter den Folgen eines Bandscheibenvorfalls leidet, sollte aber lieber einen Physiotherapeuten aufsuchen“, so von Glahn.

 Zwischendurch klatscht die Fitnesstrainerin mit den Teilnehmern ab. Sie spricht ihnen Mut zu und gibt Tipps, wie sie die nächste Station am besten meistern können. Tobias Schröder und Maren Büchmann greifen sich als nächstes die Schiffstaue. Sie sind auch an dem Zaun festgeknotet und werden in verschiedenen Körperstellungen in Bewegung gebracht. Das stärkt die Rumpf- und Armmuskulatur. „Hui, die wiegen ja ganz schön was“, sagt Schröder. Tatjana von Glahn drückt aufs Tempo: „Die Mundwinkel immer nach oben ziehen, und nimm die Muskeln auch gleich mit. Noch 3, 2, 1 – und alle laufen mir bitte nach!“

 Die Fitnessgeräte fallen auf den Boden. Die Trainerin stoppt plötzlich vor der Anhöhe, setzt sich hin und bewegt sich im Krebsgang den terrassenförmigen Anstieg hinauf. Die anderen folgen ihr. Ächzend, keuchend und fluchend erreichen die Sportler den Gipfel. In lockerem Trab geht es zurück ins Camp. Trinkpause. Mit ihrem nimmermüden Enthusiasmus klatscht die Trainerin abermals mit ihren Schützlingen ab. Noch wenige Sekunden, dann startet die nächste Zirkelrunde. Tobias Schröder atmet tief durch. „Es ist echt anstrengend, aber abwechslungsreich und die Gruppendynamik ist toll.“ Spricht’ s und lässt sich in den Liegestütz fallen.

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Ein Artikel von
Sven Hornung
Redakteur für besondere Aufgaben

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