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Er rettete ein syrisches Mädchen

Bootshafen Kiel Er rettete ein syrisches Mädchen

Manchmal entscheiden Sekunden über Leben und Tod. Da darf man nicht zögern, überlegen, abwägen. Da muss man einfach machen. Rainer Jansen ist so ein Mann, der einfach macht. Am Mittwochabend holte er ein dreijähriges syrisches Mädchen aus dem eiskalten Wasser des Bootshafens.

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Große Erleichterung: An dieser Stelle im Kieler Bootshafen hat Rainer Jansen (vorne) ein dreijähriges Mädchen aus Syrien vor dem Ertrinken gerettet. Christian Friedersen, Chef des Mare-Sicherheitsdienstes, ist mächtig stolz auf seinen Mitarbeiter.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. Es ist Mittwochabend, 20 Uhr. Für den Einsatzplaner des Mare-Sicherheitsdienstes beginnt gerade der Feierabend. Wie schon seit Wochen hilft der 28-Jährige bei der Betreuung der Transitflüchtlinge in der Kieler Markthalle. Er sorgt für reibungslose Abläufe, ist Ansprechpartner bei Problemen, beruhigt und spendet Trost. Als er an diesem Abend zu seinem Auto vor der Markthalle will, hört er einen lauten Schrei von der anderen Seite des Bootshafens, sieht einen kleinen Jungen die Treppen vom Wasser hoch auf ihn zukommen. „Da hab’ ich blitzschnell eins und eins zusammengezählt“, schildert Rainer Jansen. „Irgendwie versuchte der Junge unschuldig zu gucken, aber irgendwas war an seinem Blick, dass ich sofort hellwach wurde.“ Ohne eine Sekunde zu zögern, rennt er die Treppen hinunter zum Wasser. Sieht einen kleinen Körper unter Wasser treiben und springt sofort ins eiskalte Becken.

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Was er nicht sieht: Auf der anderen Seite des Bootshafens hat ein weiterer Passant blitzschnell die Situation erfasst und springt ebenfalls ins Wasser. Rainer Jansen ist aber schon bei dem Kind, schnappt sich den zarten Körper und klettert triefend wieder über die kleine Reling am Beckenrand. Noch im Laufschritt steckt er dem Mädchen den Finger in den Hals. Irgendwie muss ja das viele Wasser, das sie geschluckt hat, wieder raus. „Ich hab’ nicht überlegt. Das Röcheln, das aus dem kleinen Körper kam, war für mich eindeutig. Die erstickt mir sonst.“ Erst vor drei Monaten hat der gebürtige Kieler einen Erste-Hilfe-Kursus gemacht. Aber das Kind flach hinzulegen, in die stabile Seitenlage zu bringen oder mit der Wiederbelebung zu beginnen, dafür war keine Zeit. „Ich wusste, in der Markthalle sind die Sanitäter, die können professionell helfen.“

Der Vater will ihm das Kind entreißen

Während das Adrenalin ihn durchströmt, rennt er in die Halle. Ein Mann kommt ihm entgegen, ein Syrer. Mit schreckgeweitetem Blick will er ihm das Kind entreißen. Später erfährt er, dass das der Vater ist. Aber Rainer Jansen läuft weiter, mit Tunnelblick geht es direkt zu den Helfern. Klitschnass und tropfend übergibt er den kleinen Körper. Die Sanitäter beginnen sofort mit der Reanimation. Das Kind atmet und schreit wie am Spieß. Es ist über den Berg. Erschöpft sackt Rainer Jansen auf dem Boden zusammen.

Dolmetscher eilen herbei. Der Vater verbeugt sich immer wieder vor Rainer Jansen. Die Mutter und die anderen beiden Kinder stehen betroffen in der Menschenmenge. Drei Jahre ist das kleine Mädchen alt, leicht wie eine Feder. Viel zu essen hatte die Familie vermutlich nicht in den vergangenen Wochen. Später stellt sich heraus, dass einer der Brüder das Mädchen beim Toben am Bootshafen aus Versehen ins Wasser geschubst hatte. Doch Rainer Jansen ist zu der Zeit noch außerstande, klar zu denken. Er bekommt trockene Kleidung, fährt nach Hause. Erst nach einer Dusche und einem Kaffee ist er zurück in der Realität. Setzt sich erneut ins Auto und fährt zum Bootshafen. „Ich musste unbedingt wissen, ob es dem Mädchen auch wirklich gut geht.“ Doch was er sieht, beruhigt ihn. Sogar ein bisschen spielen und malen kann er mit ihr. Was aus dem Passanten geworden ist, der ebenfalls ins Wasser sprang, weiß er nicht. „Das war aber alles verdammt knapp“, sagt er nachdenklich und fügt leise hinzu: „Es hätte auch ganz anders enden können.“

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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