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„Holt uns hier raus! Wir verbrennen!“

Brandstifter-Prozess Feldstraße „Holt uns hier raus! Wir verbrennen!“

Viele der 23 Bewohner, die vor sieben Monaten bei der Brandstiftung im Dönerimbiss an der Feldstraße mit knapper Not dem Inferno entkamen, lässt das traumatisierende Erlebnis bis heute nicht los. Im Prozess sagten sie am Mittwoch aus.

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Traumatisierendes Erlebnis: Der Dachstuhl in der Feldstraße 85 brannte lichterloh, die Bewohner fürchteten um ihr Leben.

Quelle: Sven Janssen (Archivbild)

Kiel. Auch gestern am sechsten Verhandlungstag saßen wieder ehemalige Mieter im Publikum, um den Strafprozess gegen die drei weitgehend geständigen Angeklagten im Kieler Landgericht zu verfolgen. In der Nacht zum 29. Juni 2015 zerstörte die von zwei Mitarbeitern des Lokals auf Veranlassung ihres Chefs mithilfe von Benzin gezündete Feuerwalze nicht nur weite Teile des Mehrfamilienhauses. Die Explosion sprengte auch die vertraute Hausgemeinschaft. „Nichts ist mehr so, wie es vorher war“, fasste eine 25-jährige Studentin aus dem 2. Obergeschoss die Folgen des versuchten Versicherungsbetrugs zusammen.

Derzeit wird das Mehrfamilienhaus mit der Gründerzeitfassade grundlegend saniert. Alle Bewohner seien untergekommen, sagte gestern ein 34-jähriger Ex-Mieter. Doch nicht alle hätten wieder richtig Fuß gefasst. Viele Brandopfer, die bis heute über soziale Medien Kontakt untereinander halten, trauerten dem lebendigen Miteinander nach.  „Das Feuer hat mir alles genommen, was mir etwas bedeutet hat“, gab eine künstlerisch tätige Bewohnerin damals zu Protokoll. Hitze, Rauch und Löschwasser zerstörten alle ihre Gemälde. Nicht nur diese Zeugin verspürt seitdem Herzrasen, wenn sie Sirenen hört. Auch Gewitter, Grillgeruch und lautes Türschlagen können viele Betroffene kaum mehr ertragen. Manche stresst schon die Müllabfuhr.

Aus 19 Berichten wurde verlesen

19 überwiegend junge Frauen und Männer, die teilweise ihr gesamtes Hab und Gut verloren, schilderten in den Wochen nach dem Brand der Polizei ihre Erlebnisse. Einige ihrer bewegenden Berichte wurden gestern von der Jugendstrafkammer verlesen. Gegen drei Uhr morgens ließ die Explosion in den WGs die Betten beben. Schlaftrunken sahen die Bewohner schon Sekunden später Feuerschein vom Treppenhaus durch die Oberlichter flackern. Wohnungstüren krümmten sich in der Hitze, Rauch drang ein. Es blieb nur die Flucht auf die rückwärtigen Balkone.

Unendliche Erleichterung erst spät

Hier harrten die Bewohner aus, warteten verzweifelt auf die Feuerwehr, die wegen des Nadelöhrs zum Hinterhof – einer kaum zwei Meter hohen Kellerdurchfahrt – nur mit leichten Steckleitern an das Gebäude herankam. „Am schlimmsten war es, von oben die Hilferufe der anderen zu hören“, sagen die meisten Zeugen. „Holt uns hier raus! Wir verbrennen!“ riefen ihre Bekannten in Todesangst aus dem in Flammen stehenden Dachstuhl. „Plötzlich war es still da oben“, erzählt ein Mieter aus dem 3. Stock. „Wir befürchteten das Schlimmste.“ Unendlich erleichtert sei man gewesen, als man von der Rettung der anderen über die Drehleiter der Feuerwehr zur Feldstraße hin erfahren habe. „Unfassbar“ finden alle Befragten, dass der Gastwirt (42), bei dem viele regelmäßig Pizza bestellten, ihr Leben riskiert habe.

„Wahnsinnigen Hass“ empfindet ein Zeuge auf den mutmaßlichen Drahtzieher, der ihnen noch wenige Stunden vor der Explosion Essen serviert habe. „Er war nett und freundlich wie immer“, sagt ein anderer Stammkunde, „und gab uns 1,50 Euro Rabatt.“

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Brand in der Feldstraße
Foto: Bei dem Brand in der Feldstraße griff das Feuer auf den Dachstuhl über.

Bei der Fortsetzung des Prozesses um die Brandstiftung in der Feldstraße hat am Freitag der Brandsachverständige des Landeskriminalamts, Holger Herdejürgen (59), vor dem Kieler Landgericht sein Gutachten über die Hintergründe des nächtlichen Großfeuers vom 29. Juni 2015 vorgelegt.

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