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Schutz vor tödlicher Fehlentscheidung

"Brückenbündnis" Kiel Schutz vor tödlicher Fehlentscheidung

Überlebende, die sich in den Tod stürzen wollten, berichten, dass sie schon während des Sprunges ihren Suizidversuch bereuten. Vor dieser tragischen Fehlentscheidung können Menschen bewahrt werden, so eine Gruppe von Fachleuten und Angehörigen, die sich in Kiel zum „Brückenbündnis“ zusammenschloss.

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Hätten sie doch besser mit anderen über ihre Probleme gesprochen: Hier in Kiel an der Holtenauer Hochbrücke mit einer Geländerhöhe von 1,20 Meter, aber auch weltweit bereuen Überlebende ihren Suizidversuch. Der Kieler Klaus S. erzählte: „Wenn das Geländer so hoch gewesen wäre, dass ich eine Leiter gebraucht hätte, wäre ich nicht gesprungen.“ Es war schlichtweg zu einfach.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Ihr Ziel ist die Suizidprävention an den Holtenauer Hochbrücken: „Unserer Meinung nach ist das Problem der Brückensuizide lösbar. Wir benötigen Sicherungen, die das Übersteigen unangenehm, schwer oder im besten Fall unmöglich machen.“ So hat es die Initiative in einer Petition an den Landtag formuliert und wünscht sich nun einen offenen Umgang mit dem Tabuthema.

„Jedes Jahr sterben an den Holtenauer Hochbrücken fast monatlich Menschen dadurch, dass die Geländer überstiegen werden“, heißt es in der Petition. Diese Einschätzung, die Insider für realistisch halten, lässt sich nicht überprüfen, da die Kieler Polizei keine Statistiken herausgibt. Die Behörden wollen Nachahmung ausschließen und auch die Medien halten ihre Berichterstattung aus diesem Grund zurück. Ein Dilemma für die Initiatoren des Brückenbündnisses, denn „egal über welche Missstände wir sprechen – sei es die Geländerhöhe oder der einfache Zugang auf die Geländeraußenseite – alles kann gegen uns verwendet werden“, befürchtet der Psychiater Prof. Josef Aldenhoff. Doch dies ist bei Weitem nicht das einzige Problem des Bündnisses. Immer wieder hören die Mitglieder, ein höherer Schutzzaun an Brücken würde nichts bringen, wer lebensmüde sei, suche sich einen anderen Ort. Dieses Argument sei durch Studien widerlegbar und die Selbsttötung absolut verhinderbar, sagt neben Aldenhoff auch der Würzburger Psychologe Prof. Armin Schmidtke, Vorsitzende des Nationalen Suizidpräventionsprogrammes für Deutschland (NaSPro): „Wenn die Menschen an einer Brücke vom Springen abgehalten werden, dann suizidieren sie sich nicht gleich woanders, sondern sie fahren nach Hause.“ Schmidtke erklärt das Verhalten der psychisch kranken Menschen so: „Sie haben sich eine bestimmte Methode und einen Ort ausgesucht und fest vorgenommen. Meistens wählen sie berühmte Orte aus, wir nennen sie Hotspots. Wenn das Vorhaben scheitert, müssen sie erst einmal über eine Alternative nachdenken und sind dann oft über die akute Krise hinweg.“ Unterscheiden müsse man diese Menschen von jenen, die sich nicht in einer Krise töten wollen, sondern einen Bilanzsuizid begehen, also prinzipiell mit dem Leben abgeschlossen haben.

Derzeitige Geländer sind keine Hürde

Für die Kielerin Bettina Wulff steht fest, dass sich ihre Tochter kurzfristig zu dem Sprung von der Brücke entschieden hatte: „Ich bin mir sicher, sie hat gehofft, jemand hält sie ab.“ Doch die junge Frau starb. Seit 2012 setzen sich ihre Eltern mit neun weiteren aktiven Mitgliedern und 20 Unterstützern für die Suizidprävention ein. Unter ihnen sind weitere betroffene Eltern, Ärzte, Theologen, ein Statiker für Brückenbau, aber auch die Kieler Polizei und Feuerwehr. Bettina Wulffs Botschaft stellvertretend für alle Zurückgebliebenen ist klar: „Wer sich das antut, muss wissen, dass Freunde und Familie immer darunter leiden werden. Es bleibt das Gefühl zurück: Ich habe mich nicht genug gekümmert; ich habe nicht genug getan, um das zu verhindern.“ Auch ihre Kritik an den verantwortlichen Politikern und Behörden ist eindeutig: „Die derzeitigen Geländer an den Brücken über den Nord-Ostsee-Kanal in Holtenau sind keine Hürde. Selbst die, die im Zuge der Brückensanierung seit 2014 auf 1,80 Meter gesetzt wurden, „sind zu leicht zu übersteigen, da die waagerechten Drahtseilverstrebungen wie eine Leiter benutzt werden können“. Dennoch warte das Brückenbündnis nun dringend darauf, dass die Ostseite (derzeit auf 1,20 Meter) umgebaut werde.

Volker Richter, beim Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr Schleswig-Holstein (LBV-SH) für die Sanierung der Hochbrücken in Holtenau zuständig, kündigte auf Nachfrage die Sanierung der Olympiabrücke zwischen 2017 und 2020 an und eine damit verbundene Erhöhung des Geländers auf ebenfalls 1,80 Meter. Allerdings werde versucht, die Erfahrungen der Sanierung der Nachbarbrücke einfließen zu lassen: „Wir versuchen das zu optimieren“, sagte er in Hinblick auf die schnelle Überwindbarkeit des Geländers.

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Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

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