23 ° / 12 ° wolkig

Navigation:
Es bleibt bei fahrlässiger Tötung

Tod bei Überfall Es bleibt bei fahrlässiger Tötung

Bei einem Raub stirbt in Kiel eine 82-Jährige an einem Asthmaanfall. Es war „nur“ fahrlässige Tötung, befand das Kieler Landgericht am Donnerstag am Ende des dritten Strafprozesses gegen zwei Brüder aus Schilksee, die vor fünf Jahren mit Überfällen ältere Menschen in Angst und Schrecken versetzten.

Voriger Artikel
Der Weihnachtsmann nimmt die Santa Line
Nächster Artikel
Mit dem Krebs leben lernen

Das Landgericht Kiel hat zwei Brüder zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Quelle: Jan Köhler-Kaeß

Kiel. Ihr letztes Opfer Hedwig K. (82) erlitt vor ihren Augen einen schweren Asthmaanfall und erstickte qualvoll. Das Urteil der 2. Großen Strafkammer: zehn Jahre Freiheitsstrafe für den älteren Angeklagten (34), achteinhalb für den Jüngeren (26).

Der von den geständig und reumütig auftretenden Brüdern nicht gewollte, aber auch nicht durch Zulassen rechtzeitiger Hilfsmaßnahmen verhinderte Tod der Seniorin vom 23. Februar 2011 hatte im Raum Kiel große Betroffenheit ausgelöst. Das im Stadtteil aufgewachsene Duo, das fünf Mal in seiner nächsten Nachbarschaft zugeschlagen hatte, stoppte danach die verhängnisvolle Raubserie.

Öffentlichkeit nahm starken Anteil

Die Öffentlichkeit blieb verunsichert und nahm starken Anteil an den polizeilichen Ermittlungen, die erst im Sommer 2012 nach dem größten Massen-Gentest der schleswig-holsteinischen Geschichte zur Festnahme der bewaffneten Maskenmänner führten. Der Ältere hatte damals freiwillig seine DNA-Probe abgegeben.

Dann kam der erste Prozess: Das Urteil vom August 2013 – elf und zwölf Jahre Haft wegen schweren Raubes mit Todesfolge und vier vorausgegangener Taten im nördlichsten Stadtteil – wurde vom BGH nicht wegen Rechtsfehlern, sondern wegen mangelnder Zuständigkeit der vom Landgericht eingesetzten Hilfsstrafkammer aufgehoben.

Überraschend vorsichtige Einschätzung

Ein Jahr später kam die 10. Große Strafkammer im zweiten Durchlauf überraschend zu einer vorsichtigeren Einschätzung der Schuldfrage. Und zu einer spürbar milderen Strafe von knapp zehn Jahren beziehungsweise achteinhalb Jahren Haft. Die Kammer sah sich bei der Todesursache „rechtlich daran gehindert, die Kausalität festzustellen“, begründete die Vorsitzende damals die Ablehnung des ursprünglichen Vorwurfs.

Diesmal kippte der BGH das Urteil wegen mangelhafter Begründung: Die 10. Große Kammer habe nicht hinreichend geprüft, ob den Tätern nicht schon wegen des ersichtlich hohen Alters und der Gebrechlichkeit der Opfer ein höheres Maß an Leichtfertigkeit und Gleichgültigkeit bei ihrem Vorgehen vorzuwerfen sei.

Trotz dieser Vorgabe kam jetzt die 2. Große Strafkammer am Ende des dritten Prozesses rechtlich und im Strafmaß zu einem ganz ähnlichen Ergebnis wie ihre Vorgänger. Der medizinische Sachverständige, folgte gestern der Vorsitzende Stefan Becker der Verteidigung, konnte nicht völlig ausschließen, dass Hedwig K. möglicherweise trotz sofortiger Hilfe an ihrem Asthmaanfall hätte sterben können.

Revision bleibt zunächst offen

Hier hatte Staatsanwalt Achim Hackethal stets dagegen gehalten: Die seit Jahrzehnten asthmakranke Seniorin habe ihr Leiden mit Unterstützung des Ehemanns und ihres Arztes gut im Griff gehabt. Nie hätten ihre Anfälle lebensbedrohliche Ausmaße angenommen. Ob die Anklage erneut in Revision geht, ließ Hackethal gestern offen. Auch der Witwer und der ebenfalls als Nebenkläger beteiligte Sohn von Hedwig K. wollten sich nicht zum Ergebnis äußern. Der jahrelange Prozessmarathon hat ihnen sichtlich zugesetzt.

Ungewöhnlich am Ende der Sitzung war der Appell des Vorsitzenden an alle Beteiligten, es bei dieser dritten Entscheidung bewenden zu lassen, „auch wenn sie nicht in jedem Punkt geteilt wird“. Schließlich lägen Staatsanwalt und Verteidigung in ihren Anträgen beim geforderten Strafmaß gar nicht so weit auseinander.

Trotzdem: Ausgeschlossen ist nicht, dass der Bundesgerichtshof sich erneut mit dem Fall befassen muss und die Sache zur vierten Verhandlung an das Landgericht zurückreicht. Das wäre zumindest für die schleswig-holsteinische Rechtsgeschichte ein einmaliger Vorgang.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Kieler Förde

Schiffspositionen in
der Kieler Förde, dem
NOK und der Ostsee.

Anzeige
Mehr aus Nachrichten aus Kiel 2/3