23 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Hilfe – passgenau und schnell

Bürger-Netzwerk Hilfe – passgenau und schnell

In Schleswig-Holstein bilden sich immer mehr Unterstützerinitiativen für Flüchtlinge. Mit dem Netzwerk „Kiel hilft Flüchtlingen“ hat diese Hilfe aber eine neue Ebene erreicht. In kürzester Zeit haben sich mehr als 6600 Bürger der Idee angeschlossen.

Voriger Artikel
Kritik an Politik und Medien
Nächster Artikel
Rote Karte für illegale Wracktaucher

Kathrin Ruß (36) verbringt ihre letzten Urlaubstage in der Kleider-Sammelstelle von „Kiel hilft Flüchtlingen“, um Kleiderspenden zu sortieren. „Hier arbeiten alle an einem Ziel. Es ist eine fantastische Atmosphäre, die Zeit vergeht schnell, und am Ende sieht jeder, was wir zusammen geschafft haben. Das ist einfach ein schönes Gefühl.“

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Das Ziel: selbstorganisiert, unbürokratisch, unabhängig und schnell das zu beschaffen, was die Flüchtlinge benötigen.

Nicht einmal drei Wochen ist es her, dass die Kieler Studentin Faiza Tahir die Initiative zu „Kiel hilft Flüchtlingen“ ergriff und es über Facebook bekannt machte. Seither entwickelt sich mit atemberaubender Geschwindigkeit ein Bürger-Netzwerk. „Es ist, als hätten viele nur auf einen Startschuss gewartet. Die Resonanz hat mich überwältigt und auch ein bisschen erschreckt, weil ich eigentlich für meine Klausur lernen muss“, sagt die 29-Jährige, die an der Fachhochschule BWL studiert. Nach einer Woche hatten sich der Facebook-Gruppe bereits 1330 Kieler angeschlossen.

Faiza Tahir hatte sich da schon etliche Freunde ins Boot geholt. Während immer mehr Menschen der Initiative folgen, schuf ein harter Kern von 20 Personen eine erste Struktur, die seither fortwährend professionalisiert wird. Zum Kern gehört Christian Müller. Der diplomierte Wirtschaftsjurist, der zurzeit noch ein Jurastudium absolviert und eigentlich im Prüfungsstress ist, hat wie alle im Team seit der vorgezogenen Inbetriebnahme der Erstaufnahmeeinrichtung am Kieler Nordmarksportfeld etwa 14, 16 Stunden am Tag für das Netzwerk gearbeitet, weil er von der Idee überzeugt ist. „Wir befinden uns in einer Notlage, auch wenn vielen das noch nicht bewusst ist. Behörden und Organisationen wie das DRK haben nur die Möglichkeiten, die wir ihnen als Gesellschaft zur Verfügung stellen“, sagt der 33-Jährige und betont: „Wir wollten von Anfang an keine Konkurrenz- oder Parallelstruktur aufbauen, sondern dem DRK in der Erstaufnahmeeinrichtung zuarbeiten, die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung organisieren und kanalisieren.“ Ganz wichtig: Das soll nicht über die Köpfe der Geflüchteten hinweg, sondern mit ihnen und nach ihren Bedürfnissen geschehen.

Wie das konkret funktioniert, kann man in einer Halle in der Gärtnerstraße 55 in Kiel- Hassee erleben. Die Halle hat Enrico Waehnke von Happy Books zur Verfügung gestellt. „Ich habe in der Zeitung gelesen, dass ,Kiel hilft Flüchtlingen’ einen Raum sucht, um Spenden zu sortieren. Den Großteil der Halle brauche ich zurzeit nicht, also habe ich sie Anfang letzter Woche angeboten“, sagt Waehnke. Drei Tage später stand Sebastian Rehbach mit zwei Mitstreitern von „Kiel hilft Flüchtlingen“ in der Halle. „Wir hatten auf Facebook gepostet, dass wir hier Kleiderspenden annehmen, aber es kamen so viele, dass wir das gar nicht allein bewältigen konnten. Die Spender haben das gesehen und viele haben uns spontan ein paar Stunden geholfen “, erinnert sich Rehbach, der gerade das Studium der Sozialökonomie abgeschlossen hat und eigentlich auf Jobsuche ist.

Damit auch am nächsten Tag in der Halle weiter Kleiderspenden sortiert werden konnten, bat Rehbach am Donnerstagabend auf Facebook um Unterstützung. Ergebnis: Am gesamten Freitag waren 45 ehrenamtliche Helfer in der Halle – Alte, Junge, Urkieler, Migranten, Mütter mit Kindern, Arbeitslose, Berufstätige, die Urlaub hatten oder nach der Arbeit vorbeikamen. Während sie sich um die Kleiderspenden kümmerten, erarbeiteten andere eine Struktur für die Kleidersammlung und baten immer wieder um Umzugskartons und Euro-Paletten. „Das Verrückte ist, dass jedes Mal in kurzer Zeit irgendwer hilft. Das System organisiert sich also selbst. Auch hier in der Halle leiten sich die Helfer gegenseitig an“, sagt Rehbach.

Die Helfer sortieren nach Größe Baby-, Kinder-, Männer- und Frauenkleidung, dann wird sie in Umzugskartons verpackt, beschriftet, erfasst, auf Paletten in die Stellplätze transportiert, die die Speditionen Krug und Gerdsen bereitstellen. 20318 Kleidungsstücke und Schuhpaare sind inzwischen jederzeit abrufbar. Anfragen kommen nicht mehr nur von der Kieler Erstaufnahmeeinrichtung. Auch an andere Unterkünfte wird geliefert. Am Montag etwa kam ein Hilferuf aus der Erstaufnahme in Rendsburg: Dort wurden dringend zwei Babybadewannen, ein Geschwister-Kinderwagen und kleine Männerkleidung gesucht. „Haben wir alles und können bei Bedarf auch Freiwillige für den Transport finden!“, meldete Rehbach zurück.

Während das DRK mangels Lagerkapazitäten erst einmal keine Kleiderspenden mehr annimmt, sammelt „Kiel hilft Flüchtlingen“ weiter. „Es kommen noch mehr Flüchtlinge, und der Winter kommt. Solange wir Kapazitäten haben, sammeln wir weiter, aber nur das, was die Flüchtlinge tatsächlich benötigen“, sagt Christian Müller und sucht jetzt nach einer weiteren Halle. Ob Kleidung, Freizeitaktivitäten oder Fahrdienste – Angebote der Bürger laufen bisher nur über Facebook. Geplant ist aber auch eine Plattform für alle, die nicht bei Facebook sind.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Kieler Förde

Schiffspositionen in
der Kieler Förde, dem
NOK und der Ostsee.

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Anzeige
Mehr zum Artikel
Flüchtlinge
Foto: Er hieß die Flüchtlinge in Neumünster willkommen: DRK-Helfer Gerrit Köhler verteilte Stofftiere an Kinder.

Überraschung in Schleswig-Holstein: Statt der erwarteten 250 Flüchtlinge sind am Montagmorgen rund 400 Menschen nach einer langen Odyssee über Ungarn, Österreich und München per Sonderzug in Neumünster angekommen. Schon am Dienstag werden weitere Flüchtlinge erwartet.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Nachrichten aus Kiel 2/3