16 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Rote Karte gegen den „Rückschritt“

CAU Kiel Rote Karte gegen den „Rückschritt“

Wer seinen Studierenden über eine Online-Plattform Skripte, Videos oder Bilder zur Verfügung stellt, muss sich bislang keine Gedanken übers Urheberrecht machen: Denn noch zahlen Hochschulen eine Pauschale an die Verwertungsgesellschaft (VG) Wort.

Voriger Artikel
Märchenhafte, zuckersüße Bauwerke
Nächster Artikel
Bau des Stadtteils war ein Experiment

Studierenden droht „künftig extreme Zeitverschwendung, lange Schlangen an überlasteten Kopierern und unnütze Papierverschwendung“: Mit diesen Argumenten überzeugte der Asta Zuhörer zur Protestaktion im größten Hörsaal der Uni.

Quelle: Uni

Kiel. Die – ähnlich der Gema (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte) für Musik – Interessen der Verlage vertritt und Tantiemen an Autoren ausschüttet. Ab 1. Januar 2017 soll Schluss damit sein. Die Neuregelung sieht vor, dass Dozenten und die Professorenschaft alle urheberrechtlich geschützten Texte und Artikel, die sie für die Lehre nutzen, einzeln erfassen. Nicht nur die Kieler Universität setzt sich gegen den drohenden „unverhältnismäßig hohen Verwaltungsaufwand“ zur Wehr.

 Dass eine Reform des Urheberrechts in Zeiten zunehmender Digitalisierung dringend nötig ist, stellt die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) nicht in Frage. „Statt überkommene Geschäftsmodelle in die Zukunft zu retten, müssten neue Konzepte entwickelt werden“, fordert Prof. Horst Hippler, Präsident der HRK Dann würden Verlage auch künftig als Partner der wissenschaftlichen Autoren und Autorinnen bestehen können. Doch im ersten Praxistest fiel die geplante Regelung, die selbst Dokumente passwortgeschützt für eine Handvoll Studierender erfasst, durch: In einem Pilotprojekt hatte die Universität Osnabrück im Wintersemester 2014/2015 bereits ein Verfahren für solche „Einzelmeldungen von Sprachwerknutzungen“ geprüft. Laut Pressemeldung kam Vizepräsidentin Prof. Dr. May-Britt Kallenrode zu dem Fazit, dass mit Einführung einer Einzelmeldepflicht wesentlich weniger Texte von den Studierenden und Lehrenden verwendet würden: „Der organisatorische Aufwand für die Hochschulen ist unangemessen hoch.“ Die HRK hält daher an einer pauschalen Vergütung fest.

 Das Kieler Universitätspräsidium steht hinter dem Kurs der HRK und weigert sich wie andere Hochschulen auch, eine neue Vereinbarung mit der VG Wort zu unterschreiben. Die geplante Einzelabrechnung sei weltfremd, kritisiert Universitätspräsident Prof. Lutz Kipp. Und Uni-Kanzler Ulf Holst forderte, dass die Landesrektorenkonferenz gemeinsam mit den Hochschulvertretungen anderer Länder versuchen soll, eine neuerliche Pauschalregelung oder ähnliche Abrechnungsmodelle mit der VG Wort zu verhandeln.

 Volle Rückendeckung bekommt das Präsidium von der Studierendenschaft, die einen „Rückschritt um einige Jahrzehnte“ fürchtet. Asta-Vorsitzende Anneke Scherz beschrieb Gästen der langen Vorlesungsnacht, was sich konkret ändern würde: „Wir Studierende haben in der Woche bis zu zehn Veranstaltungen, für die wir jedes Mal ein bis zwei Texte lesen. Dies akkurat und rechtssicher zu erfassen, ist ein Ding der Unmöglichkeit.“ Dürften die Dozenten die Unterlagen nicht mehr hochladen, bleibe nur noch der Gang zum Kopierer: „Das kostet Zeit, Geld und verbraucht unnötig Papier“, warb sie angesichts von 26000 Studierenden darum, der VG Wort ein „klares Zeichen“ zu schicken, damit sie an den Verhandlungstisch zurückkehrt. Mit Erfolg: Die allermeisten Besucher zeigten die Rote Karte. Auch die Piraten im Landtag kanzeln die bisherigen Pläne als „absurd“ ab. Hochschulpolitiker Uli König rügte, es könne nicht sein, dass man in der Hochschulpolitik in die 80er Jahre zurückfalle: „Deshalb fordern wir seit langem eine Fair-Use-Klausel, die die Bildungsmaterialien aus den Klauen unseres steinzeitlichen Urheberrechts befreit.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Events in Kiel

Veranstaltungen in Kiel
Aktuelle Termine, News, Infos.

Anzeige
Mehr aus Nachrichten aus Kiel 2/3