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Seit vier Jahren ist der Sockel verwaist

Carl-Loewe-Denkmal Kiel Seit vier Jahren ist der Sockel verwaist

Wer in der Kieler Innenstadt ein ruhiges Plätzchen sucht, am liebsten mit Sitzgelegenheit und leicht verwittertem Charme, der könnte an der Ecke Gartenstraße/Legienstraße fündig werden: Der Sockel des ehemaligen Carl-Loewe-Denkmals ist seit mittlerweile fast vier Jahren verwaist.

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Seit fast vier Jahren steht das ehemalige Carl-Loewe-Denkmal an der Gartenstraße kopflos da. Das Ensemble soll zwar „wiederverwendet“ werden, spätestens zum 100-jährigen Jubiläum des Matrosenaufstandes von 1918. Doch wie sich das Denkmal künftig präsentieren wird, ist noch nicht heraus.

Quelle: Christoph Jürgensen

Kiel. Es gibt zwar Pläne für die „Weiterverwendung“ des Ensembles. Doch eine Umsetzung lässt noch auf sich warten.

 Im April 2010 war das – zu diesem Zeitpunkt noch vollständige – Denkmal Thema im Ortsbeirat Mitte. Damals ging es um die kühne Absicht einer Anwohnerinitiative aus dem Düsternbrooker Carl-Loewe-Weg, die Büste des Komponisten wieder an ihren angestammten Platz aus der Vorkriegszeit zurückzuholen. Entgegen jeder Skepsis war diese Initiative ein voller Erfolg: Durch Spenden konnten die Kosten der Denkmalsversetzung von 18000 Euro zusammengebracht werden. Am 30. November 2011, dem 215. Geburtstag Carl Loewes (1796-1869), kehrte sein bronzenes Ebenbild an den Eingang zum Düsternbrooker Gehölz zurück und ist inzwischen fester Bestandteil der Düsternbrooker Kulturspuren.

 Der Rest seines vormaligen Standortes an der Gartenstraße steht seitdem ungenutzt da, bietet einen beliebten Treffpunkt für den Umtrunk mit Dosenbier und Sangria – und war nun wieder Thema am Rande einer Sitzung des Ortsbeirats Mitte. Frank Launert (SPD) beklagte in der Julisitzung den Zustand des Ensembles. Man müsse schon Angst haben, dass irgendwann die Backsteinmauern mit ihren steinernen Sitzbänken einfach umfielen.

 Soweit soll es aber nicht kommen. Vor einiger Zeit wurden die Mauern an den durch Verwitterung aufgebrochenen Stellen neu verfugt. Die Stadt hat die feste Absicht, den hellen Kalksteinsockel und das Denkmalumfeld weiter zu verwenden und sie in einen neuen Zusammenhang einzuordnen. Der Sockel solle in die Aktivitäten zum Jubiläum des Matrosenaufstands 2018 einbezogen werden, heißt es in einer Stellungnahme. Und weiter: „Bis dahin wird eine Zwischennutzung eruiert, bei der sich die Landeshauptstadt eine Kooperation mit der Muthesius-Kunsthochschule vorstellen kann.“ Nähere Informationen gebe es derzeit nicht, da die entsprechenden Gespräche noch anstünden.

 Seit der „Enthauptung“ des Denkmals waren schon mehrere mögliche Lösungen für eine künftige Nutzung im Gespräch. Heißester Anwärter für die Nachfolge Carl Loewes war Carl Legien (1861-1920), eine prägende Persönlichkeiten der Arbeiterbewegung und wichtigster Gewerkschaftsführer Deutschlands im Kaiserreich. Die Legienstraße und das Gewerkschaftshaus liegen schließlich in direkter Nähe. Doch eine passende Büste Legiens wurde nicht gefunden, der Plan verworfen. Auch der Gewerkschafter Hans Böckler (1875-1951) und der Theologe Heinrich Muhlius (1666-1733) schafften es nicht auf den Sockel.

 Stattdessen stellte im April 2012 der Initiativ-Kreis Revolution 1918, dem Kieler Historiker, Stadtführer, Kulturinstitutionen, Kirchen, der Verein Mahnmal Kilian und verschiedene Bildungseinrichtungen angehören, seine Idee eines „Denk-Ortes für die Demokratie“ an der Ecke Gartenstraße/Legienstraße vor. Hier liege ein Mittelpunkt, wenn nicht sogar der Geburtsort der Demokratie in Deutschland, hieß es. Der Revolutionszug 1918 führte durch die Legienstraße (damals Fährstraße) am Denkmal-Standort vorbei. Und im benachbarten Gewerkschaftshaus leitete der Arbeiter- und Soldatenrat den Beginn der ersten deutschen Demokratie ein. Der leere Sockel stehe genau im Brennpunkt zwischen dem Gewerkschaftshaus, das Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut worden sei, weil Demokraten und Gewerkschafter nicht in öffentlichen Gaststätten tagen durften, und dem schräg gegenüber gelegenen Gefängnis der „Blume“, wo Kieler Demokraten während des Dritten Reichs inhaftiert wurden.

 Der Komponist Carl Loewe selbst hat an der Gartenstraße keinerlei Wurzeln mehr, bis auf den Schriftzug am leeren Sockel. 1896 hatte ihm die Stadt ein Denkmal gewidmet, das am Düsternbrooker Weg gegenüber dem Carl-Loewe-Weg errichtet wurde. Eine Bronzebüste, geschaffen von dem Berliner Bildhauer Fritz Schaper, auf einem Sockel aus schwedischem Granit. Bei einem Luftangriff während des Zweiten Weltkriegs wurde das Denkmal zerstört, nur die Büste blieb erhalten. Sie wurde nach dem Krieg restauriert und fand ihren Platz auf einem neuen Fundament an der Ecke Legienstraße/Gartenstraße, vor einer damals gerade neu nach Carl Loewe benannten Realschule. Diese gibt es seit 1988 nicht mehr, womit der lokale Bezug zu Carl Loewe verloren gegangen ist. Heute ist in dem Gebäude die Muhliusschule zu Hause.

 Carl Loewe wurde 1796 in Löbejün (Sachsen-Anhalt) geboren. Nach dem Studium ließ er sich in Stettin nieder, wo er fast ein halbes Jahrhundert als Musiker wirkte. Er begann als Gesangslehrer und Organist, wurde bald städtischer Musikdirektor und erarbeitete sich einen guten Ruf als Dirigent, Pianist und Konzertsänger. In Kiel verbrachte er seine letzten Lebensjahre. Nach einem Schlaganfall wurde er aus seinen Ämtern entlassen und siedelte 1866 zusammen mit seiner Frau Auguste zu seiner Tochter Julie von Bothwell über, die in Kiel wohnte. Hier starb er 1869. Bekannt ist Carl Loewe unter anderem für seine rund 400 romantischen Balladen.

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