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Ein Ausweg aus der Stille

Cochlear Implant Centrum Ein Ausweg aus der Stille

Ihre Prothesen im Innenohr haben schon vielen Menschen die weitere Teilnahme am Alltag ermöglicht. Das Cochlear Implant Centrum Schleswig-Kiel wird am 7. November 20 Jahre alt.

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Kurt Petersen, der unter einer erblichen Hörstörung leidet, hat sich vor drei Jahren ein Cochlea-Implantat einsetzen lassen.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Es war ein Schock für die Lehrerin, als sie nach einem Hörsturz über Nacht auf einem Ohr taub war. Mit gerade einmal 35 Jahren drohte der Frau die Verrentung. Dass sie heute wieder unterrichten kann, verdankt sie einer Prothese im Innenohr, einem Cochlea Implantat (CI). Eingesetzt wurde es ihr im Cochlear Implant Centrum in Schleswig-Kiel, das am 7. November seinen 20. Geburtstag feiert.

Es sind vor allem zwei Gruppen, die von Schwerhörigkeit bis hin zur Taubheit betroffen sind: Zum einen von Geburt an gehörlose Kinder und zum anderen Erwachsene, die im Laufe des Lebens durch Unfälle, Altersschwerhörigkeit oder Hörstürze ertauben. Ein CI, erläutert der Audiologe Dr. Matthias Hey, könne nicht nur die Hörfähigkeit wiederherstellen, sondern auch taub geborenen Kindern helfen, sprechen zu lernen, um später eine normale Schule besuchen zu können. Etwa ein bis zwei Babys auf 1000 Geburten kommen aufgrund genetischer Defekte oder einer Rötelninfektion der Mutter ohne Gehör auf die Welt. Schleswig-Holstein war mit seinem Neugeborenen-Screening Vorreiter, so dass Frühuntersuchungen heute helfen, Hörschäden rechtzeitig zu entdecken.

Schon 1200 Patienten

Bisher sind über 1200 Patienten mit einem Implantat – die einzige Prothese, die ein Sinnesorgan ersetzt – am Uniklinikum in Kiel versorgt worden. Tendenz steigend – wegen der alternden Bevölkerung, aber auch als Spätfolge mangelnder Einhaltung von Sicherheitsbestimmungen. „Auch in Kiel wurde bis in die 80er Jahre hinein auf Werften und Baustellen ohne Gehörschutz gearbeitet“, berichtet Hey. „Die Aufklärungsquote ist noch viel zu gering. Wir sehen Patienten, die bereits seit zehn oder gar 20 Jahren trotz Hörgeräts viel zu schlecht hören“, appelliert der Audiologe, zur Überprüfung zu kommen, ob ein Implantat helfen könnte. Voraussetzung ist allerdings, dass der Hörnerv in Ordnung ist.

„Besseres Hören ist ein Anliegen, das für jedes Alter wichtig ist: Der jüngste in Kiel versorgte Patient war zum Zeitpunkt der Operation acht Monate alt, der älteste 83 Jahre alt“, sagt Prof. Petra Ambrosch, Direktorin der HNO-Klinik am Campus Kiel. Möglich ist die generationenumspannende Ohrhilfe nur deshalb, weil das Innenohr nach der Geburt nicht mehr wächst, das Gehirn aber auch im Alter noch fit genug für das notwendige Hörtraining nach der OP ist. Ärzte, Audiologen, Logopäden, Therapeuten und Psychologen arbeiten in dem Zentrum für diese umfassende Therapie zusammen.

Landwirt suchte Weg aus der Stille

Der frühere Landwirt und Bundeswehr-Mitarbeiter Kurt Petersen ist einer der Patienten, dem so der Weg raus aus der Stille zurück in die Welt des Hörens gelungen ist. 30 Jahre trug er bereits ein Hörgerät, bevor er 2012 fast ertaubt nach Kiel kam. Was hat sich seit dem CI-Einsatz im linken Ohr verändert? „Mein ganzes Leben“, sagt der heute 73-Jährige aus Wester-Ohrstedt bei Husum tief dankbar und strahlt über das ganze Gesicht. Als er das erste Mal wieder Wörter klar hören konnte, liefen ihm Tränen über die Wangen: „Ich fühlte mich wie neugeboren“. Das Ticken der Uhr, der tropfende Wasserhahn – all das hört der Hobby-Imker heute genau, nur leider das Summen der Bienen nicht. Aber das Schönste: Das CI konnte er mit dem Navigationsgerät koppeln und eine Zeitlang wieder Motorrad fahren.

Kleiner, feiner und hübscher, so dass die Patienten ihr Hörsystem nicht mehr verstecken: So beschreibt Ambrosch die heutigen Prothesen, die heute auch Musikhören übers Handy und Stereo-Anlagen ermöglichen. Die Implantate kommen mittlerweile in vielen Farben daher: von „Prinzessinnenrosa“ bis hin zu Kastanie. Bayerns Ex-Ministerpräsident Günther Beckstein trägt übrigens schwarz.

Das Cochlear Implant Centrum lädt am morgigen Sonnabend von 10 bis 14 Uhr zu einem Symposium in den Großen Hörsaal der Chirurgie, Arnold-Heller-Straße 3, auf den Campus Kiel ein. Neben renommierten Referenten werden auch Eltern von CI-versorgten Kindern und erwachsene CI-Nutzer von ihren Erfahrungen berichten. Die Veranstaltung wird für Hörbehinderte barrierefrei sein.

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Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

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