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Lösen Kieler das Rätsel um MH370?

Computer-Berechnung Lösen Kieler das Rätsel um MH370?

Wissenschaftler vom Kieler Geomar-Institut sorgen weltweit für eine Überraschung: Knapp eineinhalb Jahre nach dem mysteriösen Verschwinden der Passagiermaschine MH370 beeinflussen sie anhand von Strömungsdaten vielleicht schon bald die teuerste Suchaktion in der Geschichte der Luftfahrt.

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Die verschollene malaysische Maschine mit der Flugnummer MH370 ist nach neuen Computer-Berechnungen von Kieler Meeresforschern möglicherweise 3 500 Kilometer weiter nördlich als bisher vermutet abgestürzt.

Quelle: Carsten Rehder/ dpa

Kiel. Am 8. März 2014 verschwand die Boeing der Malaysia Airline mit 239 Passagieren. Bis vor vier Wochen spurlos. Als Ende Juli diesen Jahres der Teil eines Flugzeugflügels auf der Insel La Réunion angespült wurde, kamen die Kieler Forscher auf eine Idee: Anhand von Strömungsdaten müsste man doch den Weg des rund zwei Meter langen Flügelteils zurückverfolgen können.

Der Malaysia-Airlines-Flug 370 ist eines der größten Rätsel der Luftfahrtgeschichte geworden. Mit Hunderten von Schiffen, Fliegern und Satelliten wurde südlich von Australien bisher eine Fläche von insgesamt 50000 Quadratkilometern abgesucht. 100 Millionen Euro hat die Aktion bereits gekostet. Schon vor Monaten hatte auch das Kieler Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung seine Hilfe in Form eines Mini-U-Boots angeboten, das für Tiefen bis zu 6000 Meilen geeignet ist. „Doch das Suchgebiet war damals wohl noch zu groß für eine erfolgversprechende Unterwassersuche“, stellte Geomar fest.

Erst der Zufallsfund am 29. Juli 2015 auf der Insel La Réunion brachte Geomar wieder auf den Plan. Jetzt wollten Dr. Jonathan Durgadoo und Prof. Arne Biastoch endlich aktiv werden. Schließlich ist der Indische Ozean das Spezialgebiet der beiden Forscher. „Da wir hier in Kiel bei Meeresdaten vor allem in größeren Zeiträumen von Jahren und Jahrzehnten denken, holten wir uns Hilfe von französischen Kollegen“, berichtet Durgadoo. Wissenschaftler aus Toulouse halfen mit aktuellen Tagesdaten aus. 140 Gigabyte flossen von Frankreich nach Deutschland. Insgesamt 515 Tage vom Absturzdatum an gerechnet. „Das war sehr spannend“, berichtet Durgadoo. „Da konnten wir die Ozeanströmung relativ langsam mit wenigen Kilometern pro Stunde nachspielen.“

Am Superrechner erstellten die beiden Kieler dann eine Driftanalyse. „Wir gehen davon aus, dass das Fundstück des Wracks schwimmfähig ist“, erläutert Prof. Biastoch. Deshalb spielten bei den Berechnungen der beiden vor allem die windgetriebenen Oberflächenströmungen eine Rolle. Mit virtuellen Partikeln versuchten sie, den Flugzeugflügel zu simulieren. „Im Schnitt legte das gefundene Teil eine Strecke von 15 Kilometern pro Tag zurück“, fügt Dr. Durgadoo hinzu. „Einige der Partikel drifteten kreisförmig, andere nahmen lange Umwege. Deshalb konnten wir nicht nur einem Partikel trauen.“ Insgesamt zwei Millionen virtuelle Partikel setzen sie deshalb um die Fundstelle herum aus und rechneten in die Vergangenheit zurück. Etliche Stunden hat Jonathan Durgadoo an seinem Computer verbracht, um die größtmögliche Wahrscheinlichkeit herauszubekommen. Nach vier Wochen stand fest: Die bisherige Suche nach MH370 findet vermutlich in einem völlig falschen Gebiet statt. Die Kieler gehen eher von einem Absturzort aus, der bis zu 3500 Kilometer weiter nördlich liegt – westlich von Sumatra und Java, rund 6000 Kilometer von La Réunion entfernt.

„Das hatten wir eigentlich schon vorher geahnt“, sagt der 31-jährige Jonathan Durgadoo, der den Indischen Ozean liebt. Aufgewachsen ist er auf Mauritius und wusste schon ziemlich früh, dass er etwas mit Meereswissenschaften machen wollte. Studiert hat er in Südafrika, seit fünf Jahren ist er bei Geomar in Kiel. „Meine Doktorarbeit habe ich über den Transport von warmem Wasser aus dem Indischen Ozean in den Südatlantik geschrieben“, erzählt er. „Strömungen sind ziemlich interessant“, fügt der Ozeanograph schmunzelnd hinzu. Bei den aktuellen Forschungen zum Flugzeugunglück hatte er deshalb seine helle Freude. „Endlich gibt es einen realen Bezug, und ich kann den Hinterbliebenen vielleicht helfen, Antworten auf ihre Fragen zu finden.“

In Kürze wollen die Geomar-Wissenschaftler die Daten an die australischen Behörden weiterleiten. „Unsere Ergebnisse zeigen aber auch, wie schwierig es sein wird, das Flugzeug, basierend auf den Rechnungen, wirklich zu finden“, dämpft Prof. Biastoch zu große Erwartungen.

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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Foto: Forscher des Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung haben mit Computerberechnungen den Weg des gefundenen Wrackteils des Flugzeuges eingegrenzt. Demnach liegt das Absturzgebiet rund 3.500 Kilometer nördlicher als das derzeitige Suchgebiet.

Die Suche nach der verschollenen Malaysia-Airlines-Boeing Flug MH370 geht trotz einer neuen Analyse aus Kiel im bisherigen Suchgebiet weiter. Die australischen Experten seien sicher, dass sie in der richtigen Region suchen, teilte ein Sprecher der Transportsicherheitsbehörde am Mittwoch mit.

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