3 ° / 1 ° wolkig

Navigation:
Ein Riesenbohrer für den Jensendamm

Dauerbaustelle Ein Riesenbohrer für den Jensendamm

Der Jensendamm in der Kieler Innenstadt ist abgesackt und soll nun stabilisiert werden. Die Fahrbahn wird in den kommenden vier Wochen mit Betonpfählen unterfüttert. Möglich macht das ein riesiger Bohrer unter Regie von René Lahser.

Voriger Artikel
Forscher stellen ihre Arbeitsplätze vor
Nächster Artikel
Mann erstattet Anzeige und kommt selbst in Haft

So ein großes Bohrgerät gibt es in Kiel nicht alle Tage: René Lahser wird in den nächsten vier Wochen insgesamt 880 Löcher mit seinem sechs Tonnen schweren LB20 in den Jensendamm rammen und mit Beton füllen. So soll die Straße, die 2014 absackte, tragbar gemacht werden.

Quelle: Michael Kaniecki

Kiel. In den nächsten vier Wochen wird René Lahser der König der Baustelle am Jensendamm sein. Der 40-Jährige hat einen Job, der in kein Antragsformular passt: Er ist Großbohrdrehgeräteführer. 60 Tonnen wiegt sein Bohrgerät, das in der Nacht von Sonntag auf Montag von Seevetal bei Hamburg auf einem Tieflader über die Straßen Schleswig-Holsteins nach Kiel rollte. Hier soll die sogenannte LB20 nun dafür sorgen, dass zwischen der Falckstraße und der Dänischen Straße die nächsten Jahrzehnte der Verkehr reibungslos fließen kann.

 Auf der Baustelle „Alte Feuerwache“ brummt es nur so. Überall wird gebaggert, gebuddelt, verputzt und verladen. In all dem Gewusel steht René Lahser und hat die Ruhe weg. Am Morgen ist er mit seinem Volvo V50 von Bad Segeberg nach Kiel gefahren. Das große Bohrgerät war da schon angekommen. Nun wird nach und nach das übrige Arbeitsmaterial angeliefert: Ein roter Container mit dem Werkzeug, ein fünf Tonnen schwerer Bohrtisch, neun Meter lange Bohrstangen, eine Betonpumpe, Betonschläuche und vieles mehr. „Da kommt gerade der Bagger an, der später die Betonsäulen auf die richtige Höhe bringt“, sagt René Lahser. Ursprünglich hat er mal Maurer gelernt, landete dann aber schnell im Tiefbau. „Aber immer nur Bagger und Raupen fahren, war mir dann doch zu langweilig“, sagt er schmunzelnd. „Ich wollte ’was machen, was nicht jeder kann.“ So schulte er auf Großbohrer um. Überall in Deutschland sowie in England und Schottland wird er von seiner Firma für Bodenverbesserungstechniken eingesetzt. „Da kommt man prima ’rum“, sagt er zufrieden.

 Nun ist er also in Kiel. Zusammen mit seinen beiden Kollegen Mario Koch (46, Pumpist) und Michelle Klawonn (22, Polier) wird er hier seine Spuren hinterlassen. 880 Löcher soll er in einem Monat bohren. Zwölf bis 15 Meter tief in die Erde, 32 Zentimeter im Durchmesser. Das Stück von der Falckstraße bis zur Dänischen Straße ist 150 Meter lang und bis zu zehn Meter breit. Alle 1,40 Meter wird in einer Art Rasternetz eine Bohrung gemacht. „Wenn nichts kaputtgeht, schaffe ich 80 bis 100 Stück am Tag“, sagt René Lahser. „Aber es passiert immer etwas Unvorhersehbares. Mein Bohrer kann abbrechen oder ein Hydraulikschlauch platzen. Man weiß nie, was einen erwartet.“

Der Bohrer ist ein Vollverdränger

 Ab Dienstag wird René Lahser mit extra dickem Gehörschutz im Führerhaus seiner LB20 sitzen und loslegen. Zuvor hat er sein Fahrwerk mit den Raupen um einen Meter ausgefahren, zusammen mit seinen Kollegen den Bohrer samt Verlängerung, Winden und Bohrtisch anmontiert. 21 Meter hoch ist sein Fahrzeug jetzt. „Der Bohrer ist ein Vollverdränger. Das heißt, er drückt den Untergrund so zur Seite, dass das Gelände verdichtet wird“, erzählt der Fachmann. „Dann schalte ich den Beton dazu und fülle die Säule bei zwei bis drei Bar Druck.“ Der Computer an Bord errechnet, wie viel Beton nötig ist und wie schnell René Lahser den Bohrer nach oben ziehen muss.

 Und warum das alles? Offiziell gibt es noch keine eindeutige Erklärung. Fest steht nur, dass der Jensendamm 2014 bis zu 25 Zentimeter abgesackt ist. Nach Auskunft von Matthias Reuner, Mitglied der BIG-Geschäftsleitung, läuft noch das Beweissicherungsverfahren. Die BIG bebaut zusammen mit der Frank Heimbau die „Alte Feuerwache“. 68 Eigentumswohnungen, sechs Stadtreihenhäuser und 50 Studentenwohnungen entstehen hier. „Wir stehen kurz vor der Fertigstellung. Die Übergabe ist ab Oktober geplant“, so Matthias Reuner. Als vor zwei Jahren die Straße in die Tiefe rutschte, war für den Bau einer Tiefgarage der Grundwasserspiegel gesenkt worden. Müssen nun die Baufirmen die Kosten für die Tiefgründung der Straße zahlen? Oder war der Untergrund, der vor 100 Jahren noch zum Kleinen Kiel gehörte, ohnehin nicht tragfähig? „Ein Sachverständiger hat die Fläche inzwischen freigegeben. Wir alle warten auf sein Gutachten“, so Reuner.

 „Die gesamte Baumaßnahme Jensendamm wird nun 1,3 Millionen Euro kosten“, so Jens Kruschwitz, Abteilungsleiter vom Kieler Tiefbauamt. „Durch die Pfahlgründung ist das Projekt rund 600000 Euro teurer geworden.“ Alle Leitungen (Abwasser, Fernwärme, Strom, Telefon) wurden ab Mai nach und nach an den Rand verlegt. Der Kampfmittelräumdienst rückte zu Bohrungen an. Damit René Lahser mit seiner LB20 aktiv werden kann, müssen noch etliche Bäume am Rand beschnitten werden. Ein Ahorn sogar so stark, dass er vermutlich ersetzt werden muss, so Jens Griesder vom Tiefbauamt. Kruschwitz: „Spätestens bis Juli 2017 ist alles fertig. Und dann kommt das Stück bis zum Martensdamm dran.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

Mehr aus Nachrichten aus Kiel 2/3