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Die Kinder der „Himmlischen Hundertschaft“

Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft Die Kinder der „Himmlischen Hundertschaft“

Zum Abschiedspicknick haben sie sich feingemacht. Die Mädchen tragen bunt bestickte Blusen, die Jungen T-Shirts mit dem Aufdruck „Ukraine“. „Bratwurst“, sagt der 19-jährige Yevhenii und lacht verlegen. Eigentlich spricht er kein Deutsch.

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Eine Wellenlänge: Natalia Boikiv (links) liebt den Austausch mit Iris Laufer von der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel/Altenholz. Aber dieses Wort musste er sich merken. Die deutschen Würstchen sind „sooo lecker“ und gleich wird gegrillt. Zum Abschied. Denn nach zwei Wochen reisen die 18 Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine wieder in ihre Heimat. Doch diese Reise war kein normaler Austausch. Die jungen Gäste sind alle Kinder der „Himmlischen Hundertschaft“.

 Eigentlich ein wunderschöner Ausdruck: „Himmlische Hundertschaft“. Aber dahinter verbergen sich Trauer, Leid, Tränen und Blut. Von November 2013 bis Februar 2014 gingen Tausende von Ukrainern auf die Straße, um für mehr Freiheit zu kämpfen. Vor allem auf dem großen Platz in Kiew, dem Majdan, sammelten sich die Menschen aus allen Teilen des Landes, um ihren Unmut mit der Regierung kundzutun. „Am 8. Dezember waren es allein eine Millionen Demonstranten“, erzählt Kyrill Kobsar von der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft in Kiel. Als es im Januar und Februar zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt, sterben 106 Frauen und Männer – die „Himmlische Hundertschaft“. Die Kinder von 18 Verstorbenen stehen nun hier am Falckensteiner Strand im Jugenddorf.

Tschüs Kiel! Natalia, Svitlana, Liliya und Yulia (von links) haben sich für die große Abschiedsparty feingemacht.

Quelle: Uwe Paesler

 Einer der Toten ist der Vater von Sachar (15) und der Mann von Natalia Boikiv. „Er wurde in der Nacht vom 18. auf den 19. Februar umgebracht“, erzählt die 51-Jährige auf Ukrainisch. Kyrill Kobsar, der seit 2001 in Deutschland lebt, übersetzt. Zusammen mit riesigen Menschenmassen zog ihr Mann in dieser Nacht vom Majdan in Richtung Parlament und wurde mit 18 weiteren Männern erschossen. Gezielt. Als ihr Mann nicht nach Hause kam, suchte Natalia Boikiv ihn. Fünf Tage lang. „Ich war überall“, sagt sie. „Auf dem Platz, bei der Polizei, im Krankenhaus, im Leichenschauhaus. Niemand hatte meinen Mann gesehen.“ Erst als im Internet Fotos von noch nicht identifizierten Toten hochgeladen wurden, blickte sie auf seine Leiche. „Ich bin kein politischer Mensch“, sagt sie. „Aber von dem Augenblick an wurde ich es.“

 Zusammen mit anderen Witwen gründete sie eine Bürgerinitiative, um die Opferfamilien zu vereinen. 53 Kinder im Alter von zwei bis 19 Jahren werden betreut. Ziel: Durch gemeinsame Begegnungen das Trauma verarbeiten. Durch den Kieler Verein, der bereits seit 20 Jahren besteht, klappte es schließlich mit der Reise in ein demokratisches Land. „Die Jugendlichen sollten einmal einen funktionierenden Rechtsstaat erleben, genau das, wofür ihre Eltern starben“, sagt Kyrill Kobsar. Mit unglaublichem Einsatz schaffte es der 25 Mitglieder starke Verein mit Iris Laufer an der Spitze genügend Spenden zu sammeln, um die Kinder einzuladen.

 Iris Laufer, eine gebürtige Ukrainerin, strahlt an diesem Tag über das ganze Gesicht. „Die Kinder sind alle so begeistert und saugen alles auf wie ein Schwamm“, sagt sie. Das Altenholzer Gymnasium, das ebenfalls einen Schüleraustausch mit der Ukraine pflegt, wurde besucht. Sie lernten das Wattenmeer kennen, waren im Hansapark, machten eine Kutterfahrt und kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der Höhepunkt war aber der Besuch im Landtag, wo sie vom Präsidenten Klaus Schlie empfangen wurden und auf Abgeordneten-Stühlen Platz nehmen durften. „Die Politiker sprechen hier mit den Menschen“, stellte Svitlana (11) verwundert fest. Und der zwölfjährige Nazar kriegte sich gar nicht wieder ein, dass es sogar eine Piratenpartei gibt.

 Die Liste der Begeisterung ließe sich noch unendlich fortsetzen: Dass es hier Paternoster gibt. Dass hier alte Bäume erhalten werden. Dass man sich um die Umwelt kümmert. Dass Behinderte am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Anhelina (14): „Wir sind einfach unglaublich froh, dass wir sehen durften, dass es so etwas auf der Welt gibt.“

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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