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Die Revolution lässt grüßen

Kieler ersteigerte Postkarte in den USA Die Revolution lässt grüßen

Diese Postkarte ist ein absoluter Glücksfund. Durch Zufall stieß der Kieler Videokünstler Kai Zimmer (52) im Internet auf einen wahren Schatz der Kieler Geschichte. Über 8000 Kilometer entfernt im US-Staat Oregon hatte eine Frau aus Eugene ein altes Foto zum Verkauf angeboten.

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Freuen sich über die seltene Postkarte vom Kieler Matrosenaufstand 1918: Kai Zimmer, Klaus Kuhl und Kulturdezernent Wolfgang Röttgers (von links).

Quelle: Frank Peter

Kiel. Darauf: Sechs Matrosen, die sich die kaiserlichen Abzeichen der Marine (Kokarden) abgerissen haben, französische Gewehre schultern und siegesgewiss in die Kamera des Fotografen schauen. Zwischen der Gruppe steht eine Tafel mit den Worten: „Hoch lebe die Freiheit – 5. Nov. 1918“. Kai Zimmer traute seinen Augen kaum, denn so ein Zeitdokument vom Kieler Matrosenaufstand hat absoluten Seltenheitswert. Im Stadtarchiv des Kieler Rathauses stellte er jetzt seinen Fund vor.

 „Der Matrosenaufstand ist das große Ereignis in Kiel“, sagt Stadtarchivar Johannes Rosenplänter. „Nur leider gibt es von der eigentlichen Revolution nur ganz wenige Bildüberlieferungen. Die entscheidenden Tage waren der 3. bis 5. November, und genau aus dieser Zeit stammt die Karte. Das Foto hat eine politische Sprengkraft.“ Eigentlich ist die Postkarte ein Foto. Damals war es jedoch üblich, einfach einen Postkartenaufdruck auf die Rückseite zu drucken. Verschickt wurde das Bild jedoch nie. Aber der Reihe nach. Denn nachdem Kai Zimmer das Foto im Internet entdeckt hatte, vergingen noch bange Tage und Wochen. Da das Zeitdokument versteigert wurde, musste er zum richtigen Zeitpunkt bieten. „Ich stellte mir nachts um halb drei den Wecker“, so der Kieler. Knapp 100 Dollar gab er in der letzten Sekunde ein. Feuchte Hände und Herzrasen inklusive. Ein paar Wochen später kam dann tatsächlich sein „Schatz“ an. „Da kriege ich heute noch eine Gänsehaut, wenn ich mir den Weg des Fotos vorstelle. Vor fast 100 Jahren in Kiel aufgenommen, dann irgendwie nach Amerika gekommen und jetzt wieder in der Heimat.“

 „Ich nehme an, dass das Foto nur sechsmal abgezogen wurde“, so Kai Zimmer. „Jeder Matrose erhielt eines.“ Auf der Rückseite steht auf Englisch mit Bleistift geschrieben, dass es sich um Matrosen des Aufstands 1918 handelt, dass es eine „sehr seltene Aufnahme“ (very rare image) ist. „Leider wusste die Frau aus Oregon nicht mehr dazu. Sie löste die Sammlung ihres verstorbenen Bruders auf.“ Mit der Lupe konnte Kai Zimmer mit ganz, ganz viel Mühe schließlich auch den Fotografen entziffern: Anton Busch, Holtenauer Straße 111. „Das Haus gibt es leider nicht mehr, sonst wäre ich da schon längst auf den Dachboden geklettert.“ Archivar Johannes Rosenplänter bestätigte, dass es damals tatsächlich diesen Fotografen in Kiel gab. Bei ihm allerdings lagert kein einziges seiner Bilder. „Das ist schon ein sehr wichtiges Dokument, weil es das revolutionäre Selbstbewusstsein der Matrosen zeigt“, so Rosenplänter. „Zu dem Zeitpunkt wussten sie schon, dass sie etwas losgetreten hatten, dass der Durchbruch geschafft war.“ Das Ende des Kaiserreichs stand kurz bevor.

 Auch der Kieler Revolutionsexperte Klaus Kuhl ist begeistert und erzählt, dass die Soldaten der 1. oder 2. Werftdivision angehörten, einer trägt sogar den Schriftzug „SMS Württemberg“ auf der Mütze. „Das war ein Torpedoschulschiff, das in Flensburg lag. Es gab zu der Zeit immer einen regen Pendelverkehr von Marinebooten.“ Kuhl vermutet, dass vielleicht amerikanische Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg das Foto mit über den großen Teich nahmen.

 Was passiert nun mit der alten Aufnahme? „Ich überarbeite gerade meinen Film ,Revolution 18’, der den Matrosenaufstand zum Thema hat. Dafür nutze ich das Foto“, sagt Kai Zimmer. „Danach überlasse ich es gerne dem Archiv. Ich bin kein Sammler.“ Das freut Johannes Rosenplänter und auch Kiels Kulturdezernent Wolfgang Röttgers. Denn 2018 hat die Stadt viel vor. Da soll das revolutionäre Ereignis das ganze Jahr über gefeiert werden – von der Oper über Ausstellungen bis zu Lesungen. „Kiel ist dank des Matrosenaufstands die Geburtsstadt der deutschen Demokratie“, so Röttgers, der hofft, dass sich noch Bürger melden, die alte Briefe, Fotos, Postkarten oder Tagebücher aus dieser Zeit besitzen. „Und vielleicht kann auch jemand etwas zu den sechs Matrosen auf meinem Foto erzählen“, fügt Kai Zimmer hinzu. „Das wäre schon sehr, sehr spannend zu wissen, wer sie waren.“

 Wer noch historische Dokumente aus der Zeit des Matrosenaufstands besitzt: stadtarchiv@kiel.de oder Tel. 0431/901-3422.

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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