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Stumme Gespräche am Arbeitsplatz

Die Welt der Gehörlosen Stumme Gespräche am Arbeitsplatz

Ein Unterricht in aller Stille? Kein Schwatz am Rande oder Zwischenrufe stören Lehrerin Christina Benker, als sie eine Gruppe von vier Frauen und sieben Männern, alles Produktionsmitarbeiter, lautlos in Gebärdensprache mit schnellen Gesten und bewegter Mimik in die neue Thematik einführt.

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Im Gespräch ohne große Worte: Lehrerin Christina Benker (links) und KVP-Mitarbeiterin Christina Hauff freuen sich über das Interesse der Belegschaft.

Quelle: Sonja Paar

Kiel. Das Kieler Unternehmen KVP Pharma- und Veterinär-Produkte ist beim Thema Inklusion ein gutes Stück vorangekommen. Wie viele Stolperfallen die Welt für Gehörlose bereithalten kann, weiß der Betriebsratsvorsitzende Olaf Masuch nur zu gut: Bevor er als Kind normal sprechen lernte, konnte er sich bereits mit seinen gehörlosen Eltern über Gebärden verständigen. Gegen eine „Mauer von Widerständen“ sei es gelungen, Gehörlose ins Unternehmen zu integrieren, berichtet er stolz und lässt immer wieder das Wort „Glück“ fallen. Denn nur mit engagierten und offenen Menschen sei es möglich gewesen, dass mittlerweile zwei Gehörlose unbefristet in der Produktion arbeiteten, bei Betriebsversammlungen und Abteilungsbesprechungen Gebärdensprach- Dolmetscher die Verständigung erleichterten und Kollegen ihre Freizeit opferten, um an Christina Benkers Kursus teilnehmen: „Man kann unser Modell nicht eins zu eins auf andere übertragen. Es braucht Mitstreiter, die nicht mehr fragen, ob das geht, sondern wie es geht.“

Sechsmal haben sich die speziellen Schüler, darunter auch die gehörlose Christina Hauff (42), und die Schwerbehindertenbeauftragte des Unternehmens, Edith Warner, getroffen, um im zweiten vom Integrationsamt finanzierten Kursus im Unternehmen zu lernen, wie man sich mit Gebärden Gehör verschafft.

"Ich brauchte ganz viel Mut"

Glück habe man auch mit Christina Hauff gehabt, meint Masuch. Als erste und einzige Gehörlose unter etwa 700 Kollegen war die frühere Mitarbeiterin von Beate Uhse in Flensburg Pionierin. „Ich brauchte ganz viel Mut und musste auf die Menschen zugehen“, erinnert sie sich lächelnd an die ersten Arbeitstage im April 2014. Diese Offenheit, lobt ihr Vorgesetzter Simon Geinitz, habe es den Kollegen leicht gemacht und den Weg für die weitere Einstellung eines Gehörlosen im September 2015 geebnet. Da drei bis fünf Mitarbeiter in einem Team bei der Produktion von Tierarznei-Produkten zusammenarbeiten, sei die Kommunikation entscheidend.

Dabei gab es unter den Kollegen der Bayer-Tochter am Anfang große Bedenken: Was ist bei einem Feueralarm? Wie verständige ich mich ohne Worte mit der Kollegin, wenn die Maschine streikt? Hauff trägt heute einen Alarm-Pieper bei sich, tauscht sich auch schriftlich aus, und manchmal redet man wie in einem fremden Land halt mit Händen und Füßen. Nähert sich ein Kollege von hinten, weiß er, dass er ihr leicht auf die Schultern tippen sollte. Wer mit ihr spricht, sollte den Blickkontakt suchen und im Licht stehen, damit sie besser von den Lippen ablesen kann.

Wie Gehörlose die Arbeitswelt erleben

Es sind solche Tipps von Lehrerin Benker, die das Miteinander am Arbeitsplatz erleichtern. Sie ist von Geburt an taub, hat kein Problem mit ihrem Handicap: Im Gegenteil, sie ist stolz, gehörlos zu sein, teilt sie über Dolmetscherin Petra Reimers mit. In der ersten Stunden habe sie ihre Schüler an die Gehörlosen-Kultur herangeführt und ihnen erzählt, dass es von 1880 bis 2010 dauerte, bis ein Verbot der Gebärdensprache in Schulen aufgehoben wurde. Heute ist sie oft in Schulen und Firmen unterwegs, um Hörenden klar zu machen, wie Gehörlose die Arbeitswelt erleben: Wenn ein Kollege unter Stress eine Arbeitsanordnung gibt, passiere es oft, dass Gehörlose seine angespannte Mimik missverstehen und irritiert auf sich bezögen.

Mit ihrer Klasse ist Benker am Ende der Unterrichtseinheit, die Daten und Zahlen zum Schwerpunkt hatte, mehr als zufrieden. Sogar der Unterschied zwischen Feuerzeug und Kugelschreiber sei ihnen geläufig geworden – eine Faust mit gestrecktem senkrechtem oder waagrechten Daumen. Um Dankeschön zu sagen, tippt sie die Hand am unteren Kinn an. Zufrieden sind auch die Teilnehmer. Dass die Mimik eine so große Rolle spiele, habe ihn überrascht, sagt ein Mitarbeiter. Ein anderer ist überzeugt, dass der Unterricht die künftige Kommunikation über Daten und Fakten erleichtere. Wie geht es weiter? Masuch hofft wie Warner auf eine Fortführung, auch um das Erlernte aufzufrischen. Fest steht schon jetzt: „Wir wollen mit Betriebsräten anderer Unternehmen über unsere Erfahrungen sprechen.“

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Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

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