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Die deutsch-syrische Männer-WG

Flüchtlinge Die deutsch-syrische Männer-WG

In seiner kargen Dreizimmerwohnung deutet nichts auf das Fest hin. Und doch ist hier mehr Weihnachten zu spüren als anderswo. Klaus Bieger meint es ernst mit der christlichen Nächstenliebe. Der 80-Jährige gibt einem 26-jährigen Syrer Obdach. Eine ungewöhnliche Männer-WG mitten in Kiel.

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Klaus Bieger und Hammoud Al Mohammad leben seit Oktober in einer der wohl ungewöhnlichsten Wohngemeinschaften Kiels zusammen.

Quelle: Sonja Paar

Kiel. Es riecht nach gebratenen Zwiebeln, als Klaus Bieger die Tür öffnet. Der 80-Jährige hat das Essen schon zubereitet. Doch das kann warten, denn Hammoud Al Mohammad ist noch unterwegs. Bieger geht in sein kleines Wohnzimmer und klopft das Stuhlkissen für den Gast zurecht. Vier verschiedene Stühle, ein runder Tisch, das winzige Sofa, eine alte Anrichte, Bilder, Notenständer und Computertischchen. Die 50 Quadratmeter werden von der Grundsicherung bezahlt und sind vollgepfropft mit dem Leben des alten Mannes. Und trotzdem hat er einem wildfremden Menschen aus einem fernen Land ein Zimmer angeboten. Warum? „Mein Bruder hat mich darum gebeten“, erzählt Bieger. Das war Ende September, und schon am 1. Oktober zog der neue Mitbewohner ein. Al Mohammad war zuvor in der Nähe von Lütjenburg untergebracht, wo sich Biegers Bruder um Flüchtlinge kümmert. Doch passende Deutschkurse und eine Universität gibt es nur in der Großstadt, daher suchten die Ehrenamtlichen eine Bleibe für ihn in Kiel.

 Inzwischen ist der 26-Jährige in sein neues Zuhause gekommen. Nun sitzen sie also hier zusammen. Der eine Moslem, der andere Christ. Der eine hat das Leben noch vor sich, der andere das meiste schon erlebt. Bis vor Kurzem sprachen sie nicht dieselbe Sprache, aßen nicht das gleiche Essen, hatten keine gemeinsamen Bekannte und unterschiedliche Vorlieben. Und doch funktionierte ihr Zusammenleben von Anbeginn. Ein kleines Wunder um Weihnachten, das es in Schleswig-Holstein nur so geben kann, weil in diesem Jahr durch die Flüchtlinge alles anders ist, und weil diese beiden Menschen so höflich, respektvoll und warmherzig miteinander sind. Was noch? „Neugierig sind wir“, sagt Klaus Bieger spontan. Eine Eigenschaft, die man dem alten Mann nicht absprechen kann. Zwei Studienabschlüsse hat er, in Architektur und Theologie. Er hat als Fischer gearbeitet, eine Ausbildung zum Buchbinder gemacht und viele Gelegenheitsjobs. Von seinen drei Kindern leben nur noch zwei; fünf Enkel gibt es und eine von ihm getrennt lebende Ehefrau.

 Al Mohammad ist im Norden Syriens mit sechs Schwestern und einem Bruder aufgewachsen. Hier lebt seine Familie noch heute in Not und Angst. Gerade sei ein Nachbar vom IS geköpft worden, weil dessen Bruder bei der syrischen Armee arbeite. Vor seiner Flucht hat Al Mohammad in Aleppo Ingenieurwesen studiert. Dann floh er in die Türkei, um dort die 3000 Euro für den Weg nach Europa zu verdienen. Mit nur noch fünf Euro kam er vor acht Monaten in Neumünster an. Inzwischen hat er die Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre und will zügig Deutsch lernen – für die Uni. Seit zwei Jahren ist er von seiner Familie getrennt. Aber er schickt ihr regelmäßig etwas von seinem bisschen Geld, weil es ihnen im Kriegsgebiet ungleich schlechter gehe.

 Klaus Bieger kennt die Sorgen seines Mitbewohners. Er selbst lebt sehr bescheiden. Was da ist, wird geteilt – auch das Essen. Die enge Küche steht voll mit Lebensmitteln und Kochutensilien. Der Syrer hat in einem türkischen Laden eingekauft, der Kieler bei Aldi. Wenn Al Mohammad kocht, gibt es Gemüse und Rinderhack, das mit Fladenbrot ohne Besteck gegessen wird. Bei Bieger kommt meist Gemüse mit Soja auf den Tisch. Für ihn ist der Flüchtling nicht der erste Mitbewohner. Zuvor lebte ein älterer, geistig verwirrter Mann bei ihm, den er heute noch unterstützt. Ob er dieses Wohnmodell empfehlen könne, vermag der alte Mann aber nicht zu sagen. „Es ist ein wunderbares Modell gegen Einsamkeit“, meint er, „aber ich bin mir nicht sicher, ob es für viele Menschen passt.“

 Bieger hat die nötige Toleranz, so viel ist sicher. Seit er ein halbes Jahr zum Meditieren in Indien gelebt hat, glaubt er nicht mehr an eine göttliche Autorität: „Was man sucht, kann man nur in sich selbst finden“, habe er für sich erkannt, und er halte nichts davon, wenn vermeintlich Klügere ihre Weisheiten anderen mitteilten. Diese Zurückhaltung schätzt der Syrer. „Sie können bitte schreiben, dass ich sehr dankbar bin für die Hilfe. Mit Menschen wie Klaus ist das Leben viel leichter.“ Bieger hat ihm ein Fahrrad besorgt, Behördenformalitäten übernommen, eine Mütze gestrickt. Jetzt hilft er ihm in die Selbstständigkeit. Denn Al Mohammad sucht eine eigene Wohnung. Am liebsten aber möchte er mit Gleichaltrigen wohnen: „Kein Mensch will gern allein leben.“

 Allein sein muss an Heiligabend tatsächlich keiner von beiden. Auch wenn die Wohnung am Rande des Vieburger Gehölzes heute Abend menschenleer bleibt. Bieger feiert mit der großen Familie seiner Schwester in Rammsee. Al Mohammad fährt nach Bad Homburg, wo Freunde aus Aleppo wohnen. „Wir wollen schön essen und Party machen.“ Drei Tage lang soll der Spaß dauern. In Syriens Großstädten leben viele Christen, für ihn sei das ganz normal, sagt der Moslem: „Wir feiern eben auch Weihnachten.“

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Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

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