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Ein Leben auf der Tankstelle

Dienstältester Tankwart Kiels Ein Leben auf der Tankstelle

In dem Pausenraum der Tankstelle Willer in der Gutenbergstraße gehen die Kollegen ein und aus. „Jürgen, Du hier?“, fragt eine blonde Kollegin, während sie ihre Sachen in den Spind räumt. Jürgen, das ist Hans-Jürgen Haß. Keiner, egal wie lange er hier ist, kennt die Tankstelle ohne ihn.

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Hans-Jürgen Haß, langjähriger Tankwart bei Willer, gehrt in den Ruhestand

Quelle: Frank Peter

Kiel. Eine andere verabschiedet sich „Jürgen, schönes Wochenende!“, ein beleibter Kollege will noch kurz wissen: „Du kommst doch wieder, Jürgen?“

Der 71-Jährige arbeitet ununterbrochen seit 50 Jahren bei der Firma und ist damit der dienstälteste Tankwart Kiels. Das zumindest behauptet sein Chef Axel Niesing, Geschäftsführer bei Anton Willer. In jedem Fall gehört Haß zu einer aussterbenden Berufsgruppe. Denn den Tankwart als Lehrberuf gibt es schon lange nicht mehr. Von 1960 bis 1963 hatte Haß seine Ausbildung bei einer Tankstelle in Gaarden gemacht. „Das war damals mehr Werkstatt als Tankstelle. Der Pächter konnte vom Benzinverkauf allein nicht leben, und so haben wir Autos lackiert, repariert und gepflegt.“ Im Nachhinein war das für Haß eine schöne Zeit, vielleicht sogar die schönste. „Mir hat das in meinem Beruf eigentlich am meisten Spaß gemacht, denn ich habe immer gern an Autos herumgebastelt.“ Hätte er denn nicht lieber Kfz-Schlosser lernen sollen? Haß nickt nachdenklich.

 In den Anfangsjahren bei Willer waren seine technischen Kenntnisse ja noch gefragt. Da wurden Glühbirnen ausgetauscht, Fahrzeuggelenke geschmiert und Reifen gewechselt. „Montags haben wir unseren Overall frisch angezogen, und wenn wir sonnabends den Dienst verlassen haben, konnten wir ihn vor lauter Dreck in der Ecke abstellen.“ Dann folgten die Jahre, in denen der Tankwart vor allem beim Tanken gefragt war: Bis in die 90er-Jahre, erinnert sich Haß, habe er die Zapfsäulen bedient. Minutenlang stand er mit der Pistole in der Hand an den Lkw mit ihren 200 Liter Tanks, Minuten die Ewigkeiten dauerten, „immer mit der Nase fast im Tank“, denn man durfte den Moment nicht verpassen, in dem der Tank voll war. „Es gab ja noch keine automatische Abstellung.“

 Vielleicht waren das auch die Minuten, in denen der Familienvater überlegte, ob er sich nicht selbstständig machen sollte. „Ich hätte mich ja darum bemühen können, eine Tankstelle zu pachten.“ Aber es ging ein Tag nach dem anderen ins Land, an dem er die Entscheidung auf morgen vertagte. Es drückte die Verantwortung für die zwei Kinder und seine Frau. „Das war mir immer am wichtigsten und das Risiko dann doch zu groß“, gibt er zu.

 Ob er diese Entscheidung bedauert, kann Haß nicht beantworten, denn sein Kollege Egon Kahle betritt den Pausenraum und –„Hallo Jürgen!“ – unterbricht das Gespräch. Kahle, der fast so lange wie Haß bei Willer arbeitet, wird dort ab Dienstag der letzte gelernte Tankwart sein. Doch gebraucht werden auch seine Fähigkeiten schon seit 20 Jahre nicht mehr wirklich. Das Aufgabengebiet hatte sich schon damals elementar verändert. Denn obwohl heute sieben Mal mehr Zapfsäulen stehen mit mittlerweile acht verschiedenen Kraftstoffarten, verlagerte sich die Arbeit für die Tankwarte von draußen nach drinnen an die Shopkasse. „Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich hier mal Butter und Brot verkaufe“, sagt Kahle. „Im Grunde sieht ein Tag aus wie der nächste.“ Wahrscheinlich sind deshalb für Haß die fünf Jahrzehnte wie im Flug vergangen: „Ich weiß nicht, wo die Zeit geblieben ist.“ Und trotzdem hängen die zwei von der Tankstelle an ihrem Job. Vor sieben Jahren, mit 65, hätten sie in den Ruhestand gehen können, haben aber verlängert und arbeiten heute noch 100 bis 120 Stunden im Monat. Jetzt ist für Haß aber endgültig Schluss. Am Montag ist sein letzter Tag. Ob er wieder kommt? Klar. „Zum Tanken.“

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