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Ein Engel in Weiß

Dr. Anne Fleck Ein Engel in Weiß

Eine Stunde vor Beginn ihres Vortrags möchte Dr. Anne Fleck eigentlich noch einmal kurz aus dem Festsaal des Kieler Schlosses ins Foyer gehen.Aber keine Chance: Draußen haben sich schon so viele ihrer Fans versammelt, dass für sie kein Durchkommen mehr wäre.

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Glanz und Nahbarkeit: Man könnte sagen, dass Dr. Anne Fleck für die Zunft der Fernsehärzte gerade das wird, was Cornelia Poletto für die der TV-Köche ist.

Quelle: Oliver Stenzel

Kiel. 360 Zuhörer wird sie an diesem Abend in Kiel haben, 600 waren es zwei Tage zuvor in Heide. Die Frau, die seit 2013 als bekanntester Kopf der NDR-Erfolgssendung „Die Ernährungs-Docs“ das Leben ihrer TV-Patienten verändert, findet sich heute selbst in einer ganz neuen Wirklichkeit wieder. „Mittlerweile werde ich auch erkannt, wenn ich mit Mütze und dicker Brille unterwegs bin“, bestätigt die gebürtige Saarländerin, die seit weniger als fünf Jahren in Hamburg lebt und doch schon zu den prominentesten Persönlichkeiten des Nordens zählt.

 300 bis 400 Mails bekomme sie derzeit am Tag, berichtet die Internistin und Rheumatologin. Nach dem Vortrag muss sie noch an den Schreibtisch, um an ihrem neuen Buch zu arbeiten. Dass sie überhaupt Kapazitäten für ihre Tour durch Deutschland hat, hängt damit zusammen, dass sie mit ihrer Praxis gerade umzieht. In der Zwischenzeit profiliert sich das Unternehmen Reformhaus mit Vorträgen von „Doc Fleck“, wie ihr offizieller Spitzname lautet. Ab April wird sie überdies den Reformhaus-Kurier mit einer monatlichen Kolumne bereichern. Man könnte sagen, dass Dr. Anne Fleck für die Zunft der Fernsehärzte gerade das wird, was Cornelia Poletto für die der TV-Köche ist.

 Wie diese verkörpert sie eine erstaunliche Mischung aus Glanz und Nahbarkeit. Ihrer engelsgleichen Erscheinung haftet etwas Überirdisches an, ihre ruhige Präsenz und die saarländische Grundmelodie ihrer Worte lassen sie zugleich geerdet wirken. Und selbst wenn man sich mit ihr nicht über die eigene Gesundheit unterhält: Nach einer Viertelstunde fühlt man sich besser, nach einer halben hoffnungsfroh. Ihr sei immer wieder Authentizität bescheinigt worden, erzählt die Medizinerin und bestätigt, dass darin eines ihrer Erfolgsrezepte liegt: „Die Welt sehnt sich nach echten Sachen.“ Sie habe allerdings nie gedacht, dass ihre „zurückhaltende Art“ ein Grund sein könne, dass ihr die Menschen auch im Fernsehen besonders gerne zuhören: „Da geht es ja eigentlich oft darum, wer der Lauteste ist.“

 Wenn sie bei den „Ernährungs-Docs“ Krankheiten aller Art durch die Analyse und Veränderung der Essgewohnheiten ihrer Patienten lindert oder heilt, scheint es gerade ihr stiller Zuspruch zu sein, der diese dazu motiviert, den Lebensstil zu verändern. Alle Fälle seien echt, betont Anne Fleck, und auch im Schloss könnte man sich jeden Gast als Teilnehmer der nächsten Staffel vorstellen. Während ihres Vortrags spaziert die Ärztin durch das Publikum, spricht immer wieder einzelne Zuhörer an und lässt dabei die neuesten Erkenntnisse der Ernährungsmedizin durch den Saal fliegen, als wären es die Samen einer Pusteblume. Rote Bete ist gut gegen Bluthochdruck, Haferkleie gegen erhöhtes Cholesterin, Fett ein zu Unrecht in Verruf geratener Makronährstoff mit riesigem Heilungspotenzial: Fleck preist eine Medizin, die schmeckt und denkbar weit von den freudlosen Verbotswelten entfernt liegt, die das Thema Krankheit und Ernährung oft dominieren. „Sie sind alle einzigartige, kleine Wunder“, sagt sie am Ende ihres Vortrags bestimmt. Auch solche Sätze hört man im medizinischen Alltag eher selten.

 Und so wundert es nicht, dass das Publikum den Gast kaum zum Signiertisch vordringen lässt, weil jeder zumindest noch eine Minutensprechstunde bekommen will. Als sich auch dort eine Endlos-Schlange bildet, hält Doc Fleck unvermittelt staunend inne: „Das ist ja verrückt – ich bin doch nur eine Ärztin!“ Es ist das erste Mal, dass sie mit ihrer Diagnose an diesem Abend wohl daneben liegt. Engel in Weiß käme der Sache schon näher.

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