20 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Ein Hund für jede Lebenslage

Posttraumatische Belastungsstörungen Ein Hund für jede Lebenslage

Die Erkrankung ist unsichtbar. Kein Außenstehender kann sie sehen und doch ist sie für den Betroffenen die Hölle: Posttraumatische Belastungsstörungen. Eine Kielerin hat sich mit einem Assistenzhund aus dem Angstgefängnis befreit.

Voriger Artikel
Polizei intensiviert Ermittlungen
Nächster Artikel
Probefahrten im Doppelpack

Eine leuchtende „Kenndecke“ weist die Havaneser-Hündin Tilli als Assistenzhund aus. Tilli hilft ihrer Besitzerin in jeder Situation.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Erkranken kann die Lehrerin, die nicht verhindern konnte, dass während eines Ausfluges eine Schülerin ertrinkt. Es kann ein junges Mädchen sein, das als Kind sexuell missbraucht wurde. Es kann der Soldat sein, der im Einsatz unzählige Tote sieht. Der Flüchtling, der in seiner alten Heimat gefoltert wurde. Oder der Wanderer, der mit ansehen muss, wie ein Bergsteiger weiter oben am Berg abstürzt. All solche Erlebnisse können ein psychisches Trauma auslösen und den Betroffenen krank machen. Gunda Balzer (Name geändert) hat eine solche Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Als erste in Kiel geht sie neue Wege, indem sie einen kleinrassigen Assistenzhund führt, der ihr das Leben lebenswerter macht. Doch nicht immer stößt sie mit ihrem Vierbeiner auf Verständnis.

 Wer die Hündin Tilli noch nicht kennt, macht große Augen. Auf Kommando macht sie sich auf Frauchens Arm groß und schirmt sie gegen Menschen ab, die zu nahekommen. An der Supermarktkasse legt sie sich lang hinter Gunda Balzer ab und sorgt dafür, dass der nächste Kunde nicht zu dicht aufrückt. Und sollte Frauchen plötzlich Angstzustände bekommen, springt sie hoch und zwickt ihr in die Hand. „Wenn ich mit Tilli unterwegs bin, vergesse ich meine Angst und bin glücklich“, sagt Gunda Balzer. „Ich verlasse mich auf sie und sie sich auf mich.“ Zart und fast tänzerisch springt Tilli auf den Schoß und schmiegt sich zufrieden an ihr Frauchen.

 Als die Hündin vor zwei Jahren bei Gunda Balzer einzog, litt diese schon lange an einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Ursprünglich ist die 53-Jährige ausgebildete Heilpädagogin. Doch seit knapp 30 Jahren ist sie aufgrund ihres persönlichen Traumas schwerbehindert und kann nicht mehr arbeiten. „Mein Trauma hat seelische und körperliche Spuren hinterlassen“, sagt sie nachdenklich. Reden möchte sie nicht darüber. Aber sie hat Angst vor Menschen. Manchmal reicht schon ein bestimmter Geruch und sie wird wieder in die Vergangenheit katapultiert. „Dann lasse ich alles stehen und liegen und laufe weg. Wie in Trance“, erzählt sie. Eine gefährliche Panik. Mehrmals landet sie so mitten auf einer vielbefahrenen Straße oder fällt einfach hin.

Fast nie draußen

 Deshalb meidet sie jahrelang die Öffentlichkeit und andere Menschen. „Die meiste Zeit verbrachte ich allein in meiner Wohnung“, erzählt sie. Zum Einkaufen nimmt sie eine Freundin mit und kauft dann gleich Vorräte für die nächsten vier Wochen. Wochenlang läuft sie mit Zahnschmerzen herum, weil sie sich nicht zum Arzt traut. Um nicht zum Friseur zu müssen, nimmt sie den Rasierer zur Hand und verpasste sich selbst einen Igelschnitt. „Nur mit angstreduzierenden Medikamenten konnte ich überhaupt die Tage bewältigen.“ Irgendwann läuft ihr ein Welpe zu und sie spürt, wie viel Kraft ein Hund geben kann.

 Dann hört sie von Assistenzhunden. Seit 1998 werden sie in Amerika eingesetzt – zunächst bei traumatisierten Kriegsversehrten. Aber schnell ist klar, dass die ausgebildeten Vierbeiner allen traumatisierten Menschen beistehen können. Ähnlich wie Blindenhunde helfen sie im Alltag. Gezielt sucht sich Gunda Balzer bei einem Züchter in Schleswig-Holstein Tilli aus, die eigentlich Adine von der Fürstenkrone heißt. Sie ist klein und haart nicht – perfekt bei Allergien und einer kleinen Wohnung. Ein Jahr lang besucht sie mit der Havaneser-Hündin die Welpenschule. Anschließend absolvierten sie und ihr Hund eine spezielle Ausbildung bei der Akademie für Assistenzhunde in Lindau (Kreis Rendsburg-Eckernförde). Seitdem ist die geprüfte Assistenzhündin Tilli die perfekte Begleitung für Gunda Balzer. Ein Ausweis bestätigt, dass Tilli überall mit hin darf und muss. Doch genau hier liegt der Knackpunkt. „Die meisten Menschen kennen solche kleinen Assistenzhunde nicht“, sagt die Kielerin.

 Schon oft wurde sie rüde beschimpft. Beispielsweise, wenn sie mit ihrem Hund in den Supermarkt oder auf den Uni-Sportplatz geht. „Ich würde mir so sehr mehr Toleranz wünschen“, sagt Gunda Balzer und hofft, dass ihr Schritt in die Öffentlichkeit vielleicht ein klein bisschen dabei helfen kann. „Ich möchte einfach aufklären, dass Assistenzhunde nicht immer große Labradore sein müssen.“ Jahrelang habe sie in einem Angstgefängnis gelebt. Nun möchte sie mit Tilli einen Schritt in die Gesellschaft machen. Und die muss sie eigentlich nur willkommen heißen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

Mehr aus Nachrichten aus Kiel 2/3