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Ein doppeltes Jubiläum ohne Feier

Adolf-Reichwein-Schule Ein doppeltes Jubiläum ohne Feier

Eigentlich hätten zwei Schul-Jubiläen gefeiert werden können: 1915 bezogen die ersten Klassen das vom Architekten Ernst Prinz erbaute Gebäude der Mädchen-Volksschule Neumühlen-Dietrichsdorf. 1965 erhielt die Schule mit der Erweiterung auch den Namen Adolf-Reichwein-Schule nach dem Pädagogen und hingerichteten Widerstandskämpfer Adolf Reichwein (1898-1944). Gefeiert wird aber nicht.

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Markanter Backsteinbau bis heute: Die alte Aufnahme stammt aus 1925, zehn Jahre zuvor waren die ersten Klassen eingezogen.

Quelle: Archiv Mahrt

Kiel. In dem markanten, an der Kante des Dietrichsdorfer Hochplateaus thronenden Backsteinbau wird nicht mehr unterrichtet. Lehrer und Schüler sind vor einem Jahr in die gegenüberliegende Andreas-Gayk-Schule umgezogen. In der alten Schule war die Infrastruktur für den lange angestrebten Betrieb einer offenen Ganztagsschule nicht vorhanden. Den 100 Jahre alten, denkmalgeschützten Teil des ehemaligen Schulgebäudes nutzen heute die Musiker der NDTSV Holsatia. In einem Flügel des Anbaus ist seit 2006 die Stadtteilbücherei Untergebracht, in einen anderen sind vor drei Monaten Flüchtlinge eingezogen. Vergessen haben viele Neumühlen-Dietrichsdorfer „ihre“ Schule aber nicht.

 „Ich glaub‘ das nicht!“ Dorothea Schulz wiederholt den Satz vier-, fünfmal. Ganz langsam geht die 70-Jährige über den Schulhof in das Gebäude. „Die Toiletten sind immer noch da. Hier war das Lehrerzimmer und die Klasse für die Hilfsschüler“, sagt sie. Vorbei geht’s in der unteren Treppenhalle an dem Wandbrunnen mit steinernem Becken und der Rückfront aus Keramikplatten. Dann verharrt Dorothea Schulz vor dem ersten Klassentür: „Das war der Klassenraum meiner Schwester Gabriele“, strahlt sie. Vier der fünf Mädchen von insgesamt sieben Geschwistern hätten die Volksschule besucht.

 Nach und nach erinnert sie sich an das frühere Schulleben:Dass sie zehn Pfenning für eine Flasche Kakao bezahlt hat, die der Hausmeister auf einem kleinen Stand vor der Treppe hinab zu seiner Dienstwohnung verkauft hat. An die Mittagsspeisung, den täglichen Löffel Lebertran, die erste heimlich gerauchte Zigarette und die vielen Streiche. Nicht von ungefähr steht in ihrem Zeugnisheft häufiger, dass es „leider oft Anlass zu Klagen gibt“ mit der zusätzlichen Anmerkung: „Sie bemüht sich um Besserung“. Dorothea Schulz (mit Mädchennamen Gerstenkorn) lacht. Die neun Klassen von 1951 bis 1960 hat sie problemlos gemeistert. „Schön, dass ich nach so langer Zeit noch einmal hier sein konnte.“

 In Neumühlen und Dietrichsdorf, 1907 zu einer Gemeinde verschmolzen, wurden am Ende des 19. Jahrhunderts drei Schulen gebaut: 1875 am Hohlen Weg, 1884 an der Schönkirchener Straße und 1896 in der Straße Langensaal. Schönkirchener Straße und Hohler Weg waren Knabenschulen, die Schule Langensaal wurde Mädchenschule. Doch trotz des Anbaus von jeweils vier Klassenräumen in der Schönkirchener Straße und im Langensaal konnten nicht alle Schüler aufgenommen werden. Im Zuge des Werftenbaus „explodierte“ die Bevölkerungszahl auf dem Kieler Ostufer. Nach den Plänen des bekannten Architekten Ernst Prinz wurde noch vor dem Ersten Weltkrieg mit dem Bau einer weiteren Schule für Mädchen am Boksberg begonnen. Sehr zur Freude des damaligen Gemeindevorstehers Gutav Roelcke konnte Architekt Prinz den veranschlagten Preis von 140000 Mark für den Schulneubau halten. Mitten im Krieg beziehen 1915 die ersten Klassen das Gebäude. Johann Stange, der auch die Schule im Langensaal leitet, wird erster Rektor. Damals wurde in einer Chronik festgehalten, dass insgesamt 732 Mädchen von 13 Lehrern unterrichtet wurden. Parallel gingen 814 Jungen in die beiden Knabenschulen. Neumühlen-Dietrichsdorf hatte zu der Zeit 8124 Einwohner.

 1916 wird das Fach „Säuglingspflege“ für Mädchen eingeführt, Lehrer müssen zu Kriegseinsätzen, die Fächer Turnen und Zeichnen fallen ganz aus. Lebensmittel und Brennstoffe müssen beschafft werden. 1919 gehen 652 Mädchen in 14 Klassen. In den Nachkriegsjahren und zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise leiden viele Menschen Hunger. 1923 kommen 46 Mädchen ohne Frühstück zur Schule. 1924 wird Neumühlen-Dietrichsdorf nach Kiel eingemeindet.

 Wurden die Schulen im Langensaal und am Hohlen Weg im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört, konnten die starken Schäden am Boksberg (die Mädchenschule hieß zu der Zeit Schulgruppe Neumühlen II) behoben werden. 1952 gingen 1009 Mädchen hier zur Schule. 19 Lehrkräfte unterrichten 23 Klassen in elf Unterrichtsräumen in zwei Schichten vormittags und nachmittags. 1961 wird gegenüber in der Tiefen Allee die Andreas-Gayk-Schule eingeweiht, gleichzeitig beginnt an beiden Schulen der gemeinsame Unterricht von Mädchen und Jungen. 1965 folgt der Anbau mit zwölf neuen Klassenräumen und die Schule erhält den Namen Adolf Reichweins. An der Grundschule werden heute 48 Mädchen und 60 Jungen von Rektor Hauke Muhs und sieben Kolleginnen unterrichtet

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