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Eine Kindheit voller Angst

Nazi-Verfolgung Eine Kindheit voller Angst

Lange wollte Marianne Wilke nicht über ihre Kindheitserfahrungen im Nationalsozialismus sprechen. „Das war doch nichts im Vergleich zu denen, die das KZ erleiden mussten“, meinte sie. Doch wenn die fast 86-Jährige aus Wedel wie jetzt in der Kieler Pumpe berichtet, dann wird der Rassismus im NS-Alltag deutlich – und wie er nach 1945 fortbestehen konnte.

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Marianne und Günther Wilke sind die einzigen Schleswig-Holsteiner, die noch als Zeitzeugen in Schulen über die Verfolgung in der NS-Zeit und „die zweite Schuld“ berichten.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Das Elternhaus von Marianne Wilke, die damals Lehmann heißt, ist unpolitisch. Gut bürgerlich, sozial angesehen, der Vater Reederei-Kaufmann, die Mutter Hausfrau. Doch dann beginnen in den 30er Jahren die Familientreffen in Hamburg. Die Kinder werden aus dem Zimmer geschickt, aber sie lauschen. „Es ging immer um zwei Fragen: Wird es noch schlimmer? Und: Müssen wir weg aus Deutschland? Wir Kinder haben das nicht verstanden. Aber es hat uns Angst gemacht.“

 Marianne ist sechs, sieben Jahre alt, als sie beim Spielen auf der Straße zum ersten Mal von einem Nachbarskind hört: „Meine Mutter sagt, ihr seid Juden, wir sollen nicht mit euch spielen.“ Dass Mariannes Vater jüdischen Glaubens ist, hat bisher keine Rolle gespielt. Das ändert sich. In der Schule sagt ihr die Klassenlehrerin immer häufiger: „Du weißt, dass ich das anders sehe. Aber ich muss nachher wieder etwas vorlesen.“ Etwas, das sind Sätze wie: „Es ist für deutsche Kinder unerträglich, mit Juden in einem Klassenraum zu sitzen.“ Die Lehrerin, sagt Marianne Wilke, habe viel für sie riskiert. Denn jedes Jahr, wenn Lehrer die jüdischen Kinder in den Klassen auflisten mussten, machte die Lehrerin in weiser Voraussicht einen Strich aufs Blatt.

 „Die Ideologie von angeblich höher- und von minderwertigen Menschen, die war in allen Schulbüchern und allen Fächern präsent“, sagt Wilke, „am Schlimmsten war es in Biologie. Da ging es kaum um Fakten, aber viel um deutsches und jüdisches Blut und darum, dass eine Mischung Rassenschande sei. Das hat mir Jahre nachgehangen. Ich habe mich oft gefragt: Was ist an mir anders?“

 Die kleine Marianne versteht die Gesetze noch nicht, die systematisch die Rechte der jüdischen Bürger einschränken. Aber sie liest die Warnungen an jeder Litfaßsäule: „Die Juden sind unser Unglück!“ Sie erlebt, wie SS-Männer ihre Mutter (ohne Erfolg!) anschreien: „Lassen Sie sich endlich von dem Juden scheiden, sonst ergeht es Ihnen und Ihren Kindern schlecht!“ Erlebt, wie der Vater seine Arbeit verliert und schwere Säcke schleppen muss. Wie der Familie das Radio weggenommen wird. Wie sie selbst nicht mehr auf der Parkbank sitzen, nicht mehr ins Kino und Schwimmbad, auf den Sportplatz oder in Vereine gehen darf – alles verboten. Sobald sie die Wohnung verlässt, wird sie daran erinnert: „Du gehörst nicht dazu! Du bist nichts wert!“

 Wie erträgt man das als Kind? „Weil es vier mutige Frauen gab, die uns Bücher gebracht haben. Lesen war unsere kleine Flucht.“ Dankbar seien ihre Eltern aber auch für stille Zeichen der Solidarität gewesen, wenn morgens vor der Wohnungstür ein Glas Milch stand oder ein Stück Kuchen.

 1941 sieht Marianne zu, wie ihre Mutter einen Stapel Judensterne festnäht: Auf jeden Mantel, jedes Kleid, jede Jacke, jeden Pullover, mit dem sich das Kind auf der Straße zeigt, muss einer sein. Auf den Lebensmittelkarten ist ein großes „J“ gestempelt. Jetzt dauert es lange, bevor man einen Kaufmann findet, der nicht sagt: „Juden bekommen hier nichts!“ Die Straße, sagt Marianne Wilke, „war zu einem gefährlichen Ort geworden.“

 Doch es wird noch schlimmer. Am 6. Dezember 1941 werden die Großeltern nach Riga deportiert. Marianne sieht sie nie wieder. Erst 2014 findet sie eine einzige Spur: Im Ghettomuseum in Riga stehen die Namen der Großeltern auf einer Gedenkwand. Sechs Familienmitglieder überleben die Konzentrationslager nicht. Nur einer schafft es. „Ich erinnere mich nicht mehr an den 8. Mai, aber an den 14. Juni. Da kam mein Vater aus dem KZ Theresienstadt zurück.“

 Mit dem Kriegsende erlebt die 16-Jährige aber auch, dass Menschen, die sie jahrelang gemieden haben, plötzlich vor der Tür stehen: Sie wollen eine Bestätigung, dass sie „gut zu Juden“ waren. „ Eigentlich wollte ich nur endlich wieder dazugehören“, sagt Marianne Wilke. Aber dann erlebt sie zusammen mit ihrem späteren Mann Günther Wilke immer wieder, dass die Täter von gestern wieder Karriere machen. „Plötzlich saßen Menschen im Landtag, die eine aktive Rolle im Holocaust gespielt hatten. Das war für uns unfassbar. Das war wirklich die zweite Schuld“, sagt Günther Wilke, der aus einer alten sozialdemokratischen Familie stammt, und zeigt ein Wahlplakat aus dem Jahr 1950. Es wendet sich wörtlich an alle ehemaligen Nationalsozialisten Schleswig-Holsteins: „Wir wissen, was euch seit 1945 angetan wird. Endlich Schluss mit Entnazifizierung und Diskriminierung! Wählt in den Landtag den in Eurem Wahlkreis aufgestellten Kandidaten des Deutschen Wahlblocks, einerlei ob dieser der CDU, DP oder FDP angehört.“

 Das Fazit von Marianne und Günther Wilke: So lange wie möglich wollen sie ihre Erfahrungen in Schulen weitergeben. „Das ist das, was wir tun können gegen das Verdrängen, Verharmlosen, Geschichteverfälschen. Denn das erleben wir auch heute noch.“

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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