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„Eine Schließung wäre kurzsichtig“

Flughafen Kiel „Eine Schließung wäre kurzsichtig“

Die Entscheidung über die Zukunft des Flughafens Holtenau wurde zurückgestellt. Doch wie ergeht es eigentlich den Akteuren vor Ort? Wir haben mit Jana Hirsch und Hans-Jürgen Artis gesprochen. Sie leiten zwei unabhängige Luftfahrtunternehmen, leiden aber unter demselben Problem.

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Wünschen sich vor allem Planungssicherheit: Jana Hirsch und Hans-Jürgen Artis, die mit ihren Unternehmen in Holtenau ansässig sind.

Quelle: Karen Schwenke

Holtenau. Insgesamt sind auf dem Gelände neun Firmen ansässig mit mehr als 70 Beschäftigen.

Die Zukunft des Flughafens bleibt trotz des Gutachtens weiter offen. Was bedeutet das für Sie?

Jana Hirsch: Die Unsicherheit ist ein großes Problem. Es muss endlich eine Entscheidung fallen, damit wir planen können. Dabei haben die Firmen auf dem Gelände überhaupt kein Interesse an einer Erweiterung des Flughafens, wir wollen lediglich die Sicherheit, dass er bleibt. Durch das politische Hickhack der vergangenen 15 Jahre werden wir häufig von Leuten gefragt, ob der Flughafen überhaupt noch in Betrieb sei. Auch diese Desinformation birgt für uns wirtschaftliche Nachteile.

Hans-Jürgen Artis: Die Unsicherheit belastet uns ebenfalls. Wir wachsen seit Jahren. Jetzt steht wieder eine Investition in Höhe von zehn Millionen Euro für zwei weitere Flieger an. Dazu bräuchten wir nicht nur eine neue Halle. Wir benötigen auch sehr speziell ausgebildete Piloten und Mechaniker, die wir nicht in Kiel finden. Es lassen sich aber keine Arbeitskräfte hierherlocken, wenn wir ihnen keine längerfristige Perspektive bieten können. Unsere Kunden, die Bundeswehr und die Nato, vergeben ihre Aufträge über internationale Ausschreibungen, auch hier ist Planungssicherheit elementar. Zurzeit können wir uns nur eingeschränkt bewerben und schöpfen unser Leistungspotenzial nicht voll aus.

 

Die Grünen wollen den Flughafen schließen. Auch im neuen Gutachten wird dies als eine Variante empfohlen. Haben Sie für Ihre Firmen schon alternative Standorte geprüft?

Artis: Für uns gibt es keine Alternative zu Kiel. Wir brauchen die Nähe zum Wasser, weil wir für die Marine arbeiten und auch die Übungsplätze Todendorf und Putlos nutzen. Wenn der Flughafen schließt, dann würde EIS den Standort Kiel schließen und damit würden 34 Leute ihren Job verlieren. Sie alle haben hier Häuser und Familien, da hängen dann über Hundert Schicksale dran.

Hirsch: Wir haben alle Varianten durchgespielt: In Rendsburg ist die Landebahn zu kurz, und es existiert kein Instrumenten-Anflugverfahren (ILS). Auf Sylt, wo ein wichtiger Kunde sitzt, ist der Flughafen erstens auch nicht geeignet, zweitens würde das Personal dorthin nicht folgen. Lübeck ist genauso unsicher wie Kiel. Die nächsten Flughäfen sind dann Hamburg und Flensburg, dort wären wir zu weit entfernt von unseren Kunden und es gäbe Konkurrenzbetriebe. Auch für uns gibt es keine andere Lösung.

 

Abgesehen davon sind sie mit dem Flughafen zufrieden?

Hirsch: Der Flughafen ist in einem Topzustand und wirklich gut ausgestattet.

Artis: Die Mieten sind zwar relativ hoch, aber die Rahmenbedingungen stimmen, und es wäre sicher auch ein guter Standort für andere Betriebe in der Branche.

Hirsch: Als wir genau das den Prognos-Gutachtern erzählten, die uns gerade mal 15 Minuten befragten, hieß es, warum sich denn bitteschön in den letzten Jahren keine anderen Betriebe hier angesiedelt hätten. Unsere Gegenfrage: Wer sollte denn das Risiko eingehen, ohne zu wissen, für wie lange er bleiben kann? Nun lautet doch tatsächlich eine Empfehlung der Gutachter, den Betrieb für einige Jahre voranzutreiben und dann zu prüfen, wie er sich entwickelt hat. Wie aber soll sich bei der Unsicherheit hier etwas entwickeln?

Artis: Das Argument, es würden sich nur wenige Betriebe hier ansiedeln, wurde ja in der Vergangenheit schon gegen den Erhalt des Flughafens eingesetzt und es sieht so aus, dass sich die Argumentationslogik auch in Zukunft nicht ändert.

Was spricht denn neben Ihren wirtschaftlichen Interessen für den Erhalt des Flughafens?

Hirsch: Es gibt weit und breit keinen Flughafen, wir brauchen ihn schlichtweg für die Infrastruktur. Zum Beispiel gibt es rund 20 erfolgreiche Unternehmer aus dem Raum Kiel, die hier ihre Flugzeuge stehen haben und noch zahlreiche weitere, die den Flughafen für Geschäftsreisen nutzen. Zur Kieler Woche ist der Flughafen voll. Und es gibt das ganze Jahr über wöchentlich Organtransporte zur Uniklinik, die wegen Schlechtwetters nur über unser Instrumenten-Anflugverfahren die Wolkendecke durchstoßen können. Außerdem sind hier rund 220 Sportler in Segelflug- und Motorflugvereinen aktiv.

 

Was halten Sie von der Idee, die Entscheidung per Bürgerbefragung herbeizuführen?

Artis: Kritiker lassen sich immer leichter mobilisieren als Befürworter. Daher sind wir absolut gegen einen Bürgerentscheid, denn dies würde wahrscheinlich zur Schließung führen. Wir warnen vor unkalkulierbaren Kosten, die mit einer Schließung für die Stadt verbunden sind. Der Flughafen hat zwei Weltkriege überstanden, es sind Altlasten, Schadstoffe und Munition vergraben. Was ist, wenn niemand die Dekontamination bezahlen kann und die Fläche brach liegt? Eine Schließung ist kurzsichtig. Einmal dicht, kann man ihn nicht wiederbeleben, das zeigen viele Beispiele.

Interview: Karen Schwenke

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