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Der Wiederverwerter aus Kiel

„Einfälle statt Abfälle“ Der Wiederverwerter aus Kiel

Wie vor 100 Jahren: Der Kieler Christian Kuhtz führt ein ressourcensparendes Leben. Und darüber schreibt er in seinen Ratgebern "Einfälle statt Abfälle".

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Eine Stunde Holzfeuer gibt 24 Stunden Wärme: Christian Kuhtz heizt seinen selbstgemauerten Ziegelofen in der Küche an.

Quelle: Karen Schwenke

Kiel. Langer Vollbart und lange Haare, gestrickte Pullover und selbstgenähte Latzhose. So ist Christian Kuhtz auf seinem Lastenfahrrad in Kiel unterwegs. Oft fährt er in den Wald, um Holz zu sammeln, oder er beschafft sich anderswo Materialien. Vieles von dem, was der 57-Jährige für sich, seine Frau und die beiden Söhne (10 und 17) so braucht, kauft er sich nicht einfach im Laden, sondern besorgt es sich aus der Natur. Oder er baut es aus Dingen, die andere Leute auf den Schrott schmeißen, ganz einfach selbst: Möbel, Energie, Fahrräder, Haushaltsgeräte und Kleidung. Sogar seine Schuhe sind selbst geschustert. Und zwar nicht nur die Filzpuschen, die er jetzt in seiner gemütlichen Küche trägt, sondern auch die Halbschuhe. In denen läuft er täglich draußen herum, auch wenn deren Leder (es war mal eine weggeschmissene Aktentasche) nach mehr als zehn Jahren täglichem Gebrauch ziemlich brüchig ist.

Ein richtiger Wiederverwerter

 Der Mann ist ein richtiger Wiederverwerter. Einer, der in Notzeiten vielleicht der gefragteste aller Kieler sein würde. Weiß er doch, wie man mit fast nichts einen ganzen Tag lang ein Haus heizt, wie man Warmwasser nur aus Sonnenwärme gewinnt, wie man auch sonst mit seinen Händen und wenig Material allerlei Nützliches für den Alltag baut. Zum Beispiel ein Kompost-Klo oder eine Müsli-Quetsche. Er konstruiert, schmiedet, tischlert, schweißt, pflanzt, strickt, töpfert und näht seit seiner Kindheit ohne Unterlass. „Ich war schon in meiner Jugend eine Randfigur.“ Bis heute nutzt er kaum elektrische Geräte. Er besitzt kein Auto, keinen Fernseher, kein Telefon, geschweige denn einen Computer. Und er arbeitet lieber mit traditionellem Werkzeug. Kuhtz wirkt wie ein Einsiedler, ist aber ein kreativer Kopf, der lauter pfiffige Low-Tech-Ideen produziert, auch wenn diese in unserer Wegwerfgesellschaft kaum gefragt sind.

Keller statt Kühlschrank

 „Schauen Sie sich diesen Ofen an“, sagt er und deutet auf die gemauerte Feuerstelle in seiner Küche. „Den ganzen Winter heizen wir unser Haus ausschließlich damit, und jeden Tag ist er nur eine Stunde lang an.“ Erst bei Temperaturen unter minus fünf Grad wird häufiger gefeuert. Er leitet die Wärme durchs ganze Haus und speichert sie für Stunden. „Eine simple Technik, die viele nachbauen könnten“, ist sich Kuhtz sicher. Überhaupt Wärme. „Ein völlig unterschätzter Energiefresser: 90 Prozent des Energiebedarfs in Haushalten geht für die Wärmegewinnung drauf, denn auch der meiste Strom wird zu Wärme verbraten“, sagt er und nennt Beispiele: Herd, Backofen, Geschirrspüler, Waschmaschine, Wäschetrockner und Föhn. Ja, sogar der Kühlschrank produziere neben Kälte noch viel mehr Wärme. Bei Familie Kuhtz sucht man übrigens nicht nur eine Zentralheizung, sondern auch einen Kühlschrank vergeblich. „Wir brauchen keinen. Es ist doch völliger Quatsch seine Nahrungsmittel im Winter innerhalb geheizter Räume zu kühlen, während es draußen kalt genug ist.“ Und im Sommer? „Da lagern wir die Lebensmittel im kühlen Keller und haben immer nur so viel im Haus, wie wir schnell verbrauchen.“

 Christian Kuhtz hat sich seine eigene kleine Öko-Welt geschaffen, mitten in einer fast spießigen Doppelhaussiedlung in der Hagebuttenstraße in der Nähe des Vieburger Gehölzes. Nicht nur er selbst fällt auf, auch sein holzverkleidetes Doppelhaus – mit dem vollgepfropften Wintergarten, einem Windrad (mit einem alten Waschmaschinenmotor als Generator) und Sonnenkollektoren (aus alten Fenstern und Heizkörpern) auf dem Dach.

Keine politische Ideologie

 Zwar trifft man Kuthz auf Demonstrationen gegen Atomkraft, ansonsten stecken hinter seinem Lebensstil aber keine politischen Ideologien, sondern ganz praktische Gründe und die Neigung zum Basteln: „Durch das Selbermachen haben wir einen anderen Bezug zu den Dingen, als wenn wir sie schnöde gekauft hätten“, sagt er. „Aus diesem Grund benutzen wir sie länger, ich kann sie reparieren und wir konsumieren weniger.“ Daher brauche die Familie auch nicht viel Geld. Den Lebensunterhalt bestreitet Kuhtz, in dem er Workshops gibt und kleine Broschüren für ein paar Euro unter dem Titel „Einfälle statt Abfälle“ mit den Bauanleitungen seiner Konstruktionen verschickt. Wer Kontakt zu ihm aufnehmen will, muss wie vor hundert Jahren eine Postkarte schreiben. Gerade kamen zwei Studenten vorbei, die sich in seinem Garten ein paar Sträucher für ein Gärtnerprojekt an der alten Muthesius-Kunsthochschule ausgegraben haben. In den kommenden Tagen wird er einem Kieler helfen, einen Abwärme-Ofen aus Ziegelsteinen und Lehm zu bauen, in dem er bei ihm einen Ofenbau-Workshop gibt. Eine festgelegte Gegenleistung verlangt Kuhtz nicht: „Bezahlen soll jeder, wie er es sich leisten kann.“

 Sein nächstes Projekt in eigener Sache sind neue Schuhe, die dann wieder mindestens zehn Jahre halten sollen. Vier Tage hat er eingeplant, um das Paar Schnürschuhe zu nähen: „Man könnte sagen, das Geld, um sich neue zu kaufen, verdient man schneller. Aber meine halten länger“, sagt er mit Stolz: „Wir leben in einem Land, in dem alle Schuhe tragen. Aber wer kann noch welche selber machen?“

Die Broschüren „Einfälle statt Abfälle“ gibt es im Buchladen Zapata am Wilhelmplatz 6 in Kiel. Wer Interesse an Infos oder Workshops hat, kann sich schriftlich wenden an Christian Kuhtz, Hagebuttenstraße 23, 24113 Kiel.

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