20 ° / 14 ° stark bewölkt

Navigation:
Böses Ende eines Routine-Einsatzes

Elfmonatige Dienstunfähigkeit Böses Ende eines Routine-Einsatzes

Eigentlich war es ein Routine-Einsatz, der drei bis fünf Minuten dauert. Für Oberkommissar Jan Totte bedeutete die Rangelei mit einem Betrunkenen nachts im Oktober 2014 in einer Tankstelle am Schwedendamm allerdings zahlreiche Arztbesuche und eine elfmonatige Dienstunfähigkeit.

Voriger Artikel
Altes Handwerk und frische Farben
Nächster Artikel
Neues Institut für Notfallmedizin

Der Streifenpolizist Jan Totte (46, 2. v. l.) wurde bei einem Einsatz an der Hand verletzt – und musste ein Jahr seinen Dienst aussetzen. Karl-Hermann Rehr (links) und Wolfgang Pistol (3. v. l.) vom Hilfs- und Unterstützungsfonds der Polizei überreichten ihm nun im Beisein seines Vorgesetzten Joachim Voß eine Zuwendung für einen Kuraufenthalt.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Grund genug für Wolfgang Pistol vom Hilfs- und Unterstützungsfonds der Polizei, dem 46-Jährigen eine einwöchige Kur im Allgäu zu spendieren.

 Gegen Mitternacht schickte die Polizeileitstelle Totte und seinen Kollegen nach Gaarden zu der Tankstelle. Die Angestellte hatte um Hilfe gebeten, weil sich dort ein betrunkener Mann aufhielt, der Bier kaufen wollte. Wegen des alkoholisierten Zustands wollte ihm die Frau hinter dem Tresen aber nichts überlassen. Daraufhin nahm sich der Mann eine Flasche, legte das Geld auf den Tresen und trank das Bier in dem Verkaufsraum. Der Aufforderung der Frau, die Tankstelle zu verlassen, kam er nicht nach. Auch als wenig später Totte und Kollege eintrafen, wollte der Mann nicht an die frische Luft gehen. „Wir haben ihn dann rechts und links untergehakt und sind mit ihm raus. Dabei leistete der Mann keinen Widerstand“, sagte der Beamte des 3. Polizeireviers.

 Vor der Tür verpasste der gebürtige Tscheche Totte plötzlich einen Faustschlag an die Augenbraue. Daraufhin lehnten die beiden Polizisten den 30-Jährigen mit sanfter Gewalt an den Streifenwagen. Sekunden später kam es jedoch zu einem Handgemenge. „Wir versuchten, ihn zu Boden zu bringen, was uns auch gelang. Dabei habe ich mir die linke Hand verletzt. Wie genau das passiert ist, habe ich in den hektischen Augenblicken gar nicht bemerkt“, sagte der Beamte. Schnell war Verstärkung da, die übernahm. Eine Kollegin fuhr Totte noch in der Nacht ins Krankenhaus. „Dort diagnostizierte ein Arzt eine Bänderdehnung. Davon ging auch mein Hausarzt aus, den ich zwei Tage später besuchte. Ich wurde fünf Wochen krankgeschrieben und sollte das Handgelenk ruhig halten“, erzählt der Oberkommissar.

 Doch nach fast zwei Monaten wurde es nicht besser. Totte suchte einen Orthopäden auf, musste ins MRT und ging schließlich zu einem Handchirurgen. „Der sagte, dass das Band völlig zerfetzt und die Operation zu kompliziert sei“, berichtet der 46-Jährige. Erst in einer Hamburger Spezialklinik bekam er neue Hoffnung. Nach einer Endoskopie operierte ihn der Chefarzt im März. Der Mediziner halbierte eine andere Sehne in der Hand und ersetzte mit Hilfe von Knochenankern damit das kaputte Band. „Jetzt geht es mir wieder gut. Das linke Handgelenk ist wieder zu 95 Prozent beweglich“, sagte der Linkshänder, der während seiner unfreiwilligen Pause von Verwandten, Freunden und Kollegen unterstützt wurde.

 In den vergangenen elf Monaten stand der groß gewachsene Polizist Ängste aus. Zum einen war eine Zeitlang unklar, ob das Handgelenk nicht versteift werden müsste. Zum anderen bangte er darum, ob er mit der Verletzung überhaupt wieder dienstfähig wird. „Um Waffe, Schlagstock oder Pfefferspray halten und einsetzen zu können, muss das Handgelenk kräftig und in Ordnung sein“, erklärt Totte. Doch alles wurde gut: Der Oberkommissar ist seit Anfang Oktober wieder im Dienst und hat den Vorfall gut verarbeitet: „Es macht wieder richtig Spaß. Ich bin an der Tankstelle vorbeigefahren und hatte kein schlechtes Gefühl.“

 Der 30 Jahre alte Schläger hatte damals 1,53 Promille Atemalkohol, wurde wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte festgenommen und kam später wieder frei. Ein Prozess fand nicht statt, weil der Mann keinen Wohnsitz hat und plötzlich verschwand. „Er ist zur Fahndung ausgeschrieben und soll in Kiel wieder gesehen worden sein“, sagt Revierführungsbeamter Joachim Voß. Das überrascht Totte: „Ich würde ihn auf der Straße vermutlich gar nicht erkennen.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Günter Schellhase
Digitale Angebote

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Events in Kiel

Veranstaltungen in Kiel
Aktuelle Termine, News, Infos.

Anzeige
Mehr aus Nachrichten aus Kiel 2/3