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Ärztliche Hilfe ohne Grenzen

Engagement in Kiel Ärztliche Hilfe ohne Grenzen

Eine Pritsche. Ein Tisch. Drei Stühle. Ein Schrank. Der Raum, in dem Dr. Jürgen Lund acht Jahre lang regelmäßig Patienten behandelt hat, ist weit entfernt von einer Arztpraxis. Aber es ist auch keine gewöhnliche Praxis. Lunds Patienten leben am Rand der Gesellschaft, manche sogar als Unsichtbare ohne Papiere.

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Übergabe: Dr. Kai Ehrhardt (links) hat sich bei Dr. Jürgen Lund über den Praxisalltag in der Schaßstraße in Kiel informiert. In der kommenden Woche wird Ehrhardt in diesem Raum die erste Sprechstunde abhalten.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel/Schwentinental. Jetzt beendet Jürgen Lund seinen besonderen Dienst am Menschen. Mit 75 Jahren. Engagieren wird er sich aber weiter. Noch einmal sitzt Jürgen Lund in dem spartanisch eingerichteten Raum, den die Stadtmission in ihrem Tagestreff & Kontaktladen in der Schaßstraße in der Nähe des Schützenwalls bereitstellt. Jeden Dienstag war er hier, und hat immer genug zu tun gehabt. „Im Schnitt kommen 20 Menschen in die Sprechstunde. Es sind Menschen am Ende der Fahnenstange, mit großen Problemen, oft mit Süchten, manche sind obdachlos, andere haben eine kleine Wohnung. Viele sind krankenversichert, mögen aber nicht mehr zu einem Hausarzt gehen. Andere haben keine Versicherung, weil sie Flüchtlinge sind oder weil sie hier illegal leben.“

Natürlich seien das andere Patienten als die, die er in seiner eigenen Praxis behandelt hat. 30 Jahre lang war Lund Internist und Allgemeinarzt in Raisdorf. „Ich war immer ein leidenschaftlicher Arzt. Und als ich mit 67 in Rente ging, wollte ich nicht einfach aufhören.“ Also engagierte er sich in der Straffälligenhilfe, übernahm dann die Praxis für Wohnungslose und Menschen mit besonderen Schwierigkeiten. Einzige Bedingung: Seine Vorgängerin muss ihn sechs Wochen im Jahr vertreten. In dieser Zeit ist Lund als Arzt für die Dritte Welt unterwegs, behandelt ehrenamtlich Menschen in Ländern wie Bangladesh, Indien oder Kenia.

Auch in diesen Ländern muss Lund den Menschen oft ohne große Diagnostik und Medizintechnik versuchen zu helfen. Auch in Kiel kann er erst einmal nur eine Erstversorgung bieten: die Menschen untersuchen, Wunden und zerschundene Füße versorgen, Medikamente ausgeben. Oder Privatrezepte schreiben, die dann in einer bestimmten Apotheke ohne eigene Zuzahlung eingelöst werden können. „Die Stadt übernimmt die Kosten für die Medikamente und stellt auch ein kleines Budget zur Verfügung. Wir sind aber zusätzlich immer auf Spenden wie Antibiotika, Schmerzmittel und Verbandszeug angewiesen.“ Ist eine weitere Behandlung notwendig, leitet Lund seine Patienten an das Medibüro weiter, Notfälle gleich ins Krankenhaus.

Für Jürgen Lund ging es in seinen Sprechstunden aber immer um mehr. „Diese Menschen sind dankbar, wenn ihnen überhaupt einmal jemand zuhört, sie als Mensch akzeptiert. Das Wichtigste in der Sprechstunden war für mich immer, dass die Würde des Menschen erhalten bleibt.“ Auch wenn er damit leben musste, dass er viele Schicksale mit nach Hause nahm und wusste, dass er nicht viel ändern können würde – bereut hat Jürgen Lund diese Arbeit nie. „Ich habe sehr viel Dankbarkeit zurückbekommen. Und ich bin nach diesen acht Jahren der Überzeugung, dass dies eine sinnvolle Einrichtung ist.“ Deshalb ist Lund froh, dass mit der Gemeinschaftspraxis von Dennis John Hülsberg und Dr. Kai Ehrhardt die Zukunft der Sprechstunde gesichert ist. Lund selbst wird in Schwentinental im ehrenamtlichen Einsatz sein: Dort unterrichtet er Flüchtlinge in Deutsch und organisiert Sprachpatenschaften.

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