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„Das Trauma ist die Sprachlosigkeit“

Enkelgeneration Zweiter Weltkrieg „Das Trauma ist die Sprachlosigkeit“

Unerklärliche Ängste, ein unsicheres Lebensgefühl: Knapp 71 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs leidet auch die Enkelgeneration unter den Kriegstraumata der Eltern und Großeltern, sagt die Traumapsychologin Petra Kleinewördemann. Am Sonnabend, 30. Januar, ist sie als Gast bei einer Lesung im Flandernbunker.

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„Das Kriegstrauma zeigt sich in den zwischenmenschlichen Beziehungen“ sagt Psychologin Petra Kleinewördemann über das Schweigen in vielen Familien.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Die Nachgeborenen sind heute zwischen 40 und 55 Jahre alt. Sie sind nah genug an den Erlebnissen ihrer Familie, um Unausgesprochenes zu spüren. Und weit genug weg, um Fragen zu stellen. Und das tun sie zunehmend, sagt die über die Befindlichkeit der dritten Generation in Deutschland und Israel geforscht hat.

Auf Einladung des Vereins Mahnmal Kilian und des Literaturhauses liest Jan Rosenbaum aus seinen Büchern „Ausgerechnet bei diesem Wetter. Erinnerungen mit Traurigkeit beladen“ und „Amsterdam, 11. Mai 1944. Das Ende meiner Kindheit“. Rosenbaum, Sohn eines jüdischen Vaters und Nachkriegskind, erzählt darin von den Folgen des Holocaust für die nachfolgende Generation und von der Wand zwischen sich und seinem Vater, die er nie überwinden konnte. „Das ist ganz typisch für viele familiären Beziehungen nach dem Holocaust“, sagt Petra Kleinewördemann. Die erste Generation – das gilt für Täter und Opfer gleichermaßen – hat überlebt, doch das Grauen trägt sie mit sich in das Leben danach. Ebenso wie das Schweigen, das sich wie eine Decke erstickend über das Familienleben legt. „Kinder spüren, dass da was ist, aber wenn die Eltern dies leugnen, trauen sie ihrem eigenen Gespür nicht mehr.“ Emotionale Nähe und Nestwärme erleben viele von ihnen nicht, dafür Erstarrung und Sprachlosigkeit.

Doppelte Belastung in der Traumakette

So werden sie zum zweiten Glied in der Traumakette: die ängstliche Elterngeneration, gezeichnet durch die Kriegstraumata der eigenen Eltern. „Für sie stehen Sicherheit und Bildung an erster Stelle, der schulische Werdegang ihrer Kinder und ein sicherer Arbeitsplatz sind wichtiger als die tatsächlichen Bedürfnisse ihrer Kinder“, sagt Psychologin Kleinewördemann. Fragen der Kinder zur Rolle der Großeltern im Zweiten Weltkrieg werden abgebügelt: „Jetzt hör doch endlich auf mit den alten Geschichten.“ Für Kleinewördemann ist es kein Wunder, dass immer mehr Menschen in Deutschland nicht stressresistent sind und häufiger unter Depressionen und mangelndem Selbstwertgefühl leiden als in den Nachbarländern. „Es gibt bestimmte Symptome, die kommen erst in den nachfolgenden Generationen raus.“

Manchmal gebe es einen „Symptomträger“ in der Familie, durch den das generationsübergreifende Schweigen gebrochen werde. „Wenn man versteht, woher bestimmte Probleme kommen und was man dagegen tun kann, hat die Familie die Chance, ihr Trauma aufzuarbeiten und zu heilen“, ist Petra Kleinewördemann überzeugt. Die 51-jährige Psychologin und Psychotherapeutin hat sich schon als Kind für das Thema interessiert – und wie so viele andere der Enkelgeneration keine Antworten bekommen. Mit ihrem Mann, einem Physiker, ging sie 1994 für vier Jahre nach Israel, um dort ihre Diplomarbeit zu schreiben. Ihre Kindern wurden in Jerusalem geboren. „Ich habe mich vor allem mit der Frage beschäftigt, wie junge Deutsche und Israelis mit dem Erbe ihrer Familien umgehen, wenn sie eine Zeit lang im jeweils anderen Land leben.“

Schweigestrukturen gleichen sich

Überraschend: Beide Seiten erleben in ihren Familien ähnliche Strukturen des Schweigens, eine Unfähigkeit zum Dialog. Über das Morden, die Bomben, die Vertreibung reden will kaum jemand der ersten und zweiten Generation. Und doch gehört das unfreiwillige Erbe des Krieges zur Familiengeschichte, ist Ursache für viele Macken und Strukturen im Beziehungsgeflecht. Die Enkel tragen noch immer schwer daran, wenn auch unbewusst. „Deutschland ist ein heiles Nest, und trotzdem gibt es so viel Angst.“

Lesung: Sonnabend, 30. Januar, 19 Uhr, Flandernbunker, Kiellinie 249.

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Ein Artikel von
Carola Jeschke
Lokalredaktion Kiel/SH

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