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Kraftakt für Körper und Seele

Entzugsklinik Elmschenhagen Kraftakt für Körper und Seele

Rund zehn Prozent der deutschen Bevölkerung gelten als süchtig. Offiziell. In Kiel-Elmschenhagen gibt es eine Entzugsklinik, wo ein Team aus Ärzten und Therapeuten jedes Jahr rund 700 Patienten bei ihrem Weg aus der Sackgasse hilft. Das ist mitunter ganz schön hart. Für beide Seiten.

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Im Entzug fühlt sich Patient Uli P. nicht mehr so einsam. Zuvor hatte der 56-Jährige Opiate genommen und täglich eine Flasche Korn getrunken: „Hat mir nicht geschmeckt. Aber es erfüllte seinen Zweck.“

Quelle: Ulf Dahl

Kiel. Zwei Wochen ist Uli P. jetzt hier. Zwei Wochen, die den Rest seines Lebens nachhaltig verändern sollen. Zuletzt hat der 56-Jährige täglich eine Flasche Korn getrunken. „Hat mir auch nicht geschmeckt. Aber es erfüllte seinen Zweck.“ Uli P. ist ein intelligenter Mann, er achtet auf sein Äußeres und war bis zu einem Schlaganfall vor einigen Jahren beruflich erfolgreich. Das alles zählt in der Ameos-Entzugsklinik nichts: Uli P. ist hier ein Süchtiger. Und er will von der Sucht loskommen.

 „Mir wurde mit Mitte 20 schon klar, dass ich zu viel trinke“, erzählt er. „Aber es hatte auf mich eine positive Wirkung: Ich konnte Frauen gegenüber lockerer sein, das war nüchtern ganz anders.“ Anfangs trank er ausschließlich Bier und übte immer wieder selbst erfolgreich den Entzug: „Ich nahm mir zehn Tage Urlaub und habe mich durchgezittert.“ Als Witwer zog er seine Kinder allein groß und kam vom Alkohol gänzlich weg. „Aber dann hat sich meine Sucht verlagert. Ich bin auf Opiate umgestiegen. Mit einem Beruf in der Medizinbranche kam ich auch an alles Gute ran.“ Deswegen will Uli P. in der Klinik nicht nur den Absprung vom Alkohol schaffen, sondern auch die Opiatersatzmittel absetzen. Ein Therapieplatz ist bereits gefunden.

 Acht bis neun Millionen Abhängige gibt es in Deutschland, wobei die Dunkelziffer weitaus höher liegt, wie Oberarzt Holger Zeidler feststellt. Der 63-Jährige kennt seine Patienten, einige kehren seit Jahren immer wieder zurück. Alle sind freiwillig im Entzug, sie kommen über Suchtberatungsstätten, Hausärzte oder Substitutionspraxen.

 Die Einrichtung verfügt über eine Entgiftungsklinik, in der 24 Betten für den Entzug bereitstehen, und über eine Fachambulanz für Suchtkrankheiten, wo die Patienten ihre Substitute ausgehändigt bekommen – Mittel wie Methadon, die helfen sollen, von den „richtigen“ Drogen wegzukommen. „Typisch ist, dass der Patient mit den Drogen sein Empfinden verändert. Es kommt zu einem Wohlbefinden oder nach was der Mensch sich gerade so sehnt. Und davon möchte er immer mehr.“ Manche neuen Patienten schlagen bei den verordneten Drogentests auf fast alle Substanzen an: Haschisch, Heroin, Kokain. „Aber Kiel ist ganz klar Benzo-Stadt. Damit sind Beruhigungsmittel gemeint.“ Crystal Meth werde hier erst langsam zum Problem.

 „Im Entzug tritt das genaue Gegenteil von dem auf, was die Droge sonst mit einem macht“, sagt der Mediziner. „Alkohol beispielsweise wirkt eher enthemmend, und letztendlich schlafen alle ein. Im Entzug dagegen schüttet der Körper Adrenalin aus, das Zittern kommt, und das Gehirn ist sehr erregt – so sehr, dass es zu Krampfanfällen kommt. Dann stößt der Patient einen Schrei aus, der ist nicht von dieser Welt, und die Augen drehen sich zu dem Ort, der das alles verursacht: nach innen, zum Gehirn. “ Völlige Erschöpfung und Muskelkater sind die Folgen, ein gewaltiger Kraftakt für den Körper. Die elektrische Erregung im Gehirn führt zu Fehlwahrnehmungen. „Der Patient sieht dann seine Oma, obwohl er doch weiß, dass sie seit 30 Jahren tot ist.“

 Nach fünf bis sieben Tagen sei der Alkoholentzug körperlich vorbei. „Es ist wichtig, dass eine Entgiftung lange genug andauert. Sie müssen nämlich ein Konzept entwickeln, was die Person ändern möchte.“ Früher, sagt Zeidler, dachte man tatsächlich, dass eine Sucht nach zwei Jahren überstanden ist. Er schüttelt den Kopf und lächelt verhalten. „So einfach ist das natürlich nicht.“ Holger Zeidler ist ein gemütlicher Typ, den die Arbeit mit den Patienten auch nach vielen Jahren noch begeistert. Und anspornt. „Ich möchte, dass sich die Patienten hier wohlfühlen.“

 Überall hängen Bilder, die die Patienten in der Ergotherapie angefertigt haben, die Räume sind licht und hell – ein starker Kontrast zu den düsteren Dämonen, die einige Patienten mit sich herumtragen. „Trotz eines Problembewusstseins muss man erst woanders ansetzen: beim Arbeitsplatz oder bei Familienproblemen. Denn der Veränderungswunsch der Patienten hängt meist mit einem Problem zusammen“, erklärt Sozialpädagoge und Wiedereingliederungshelfer Andreas Kühn, „Aber unsere Vorstellungen von Veränderung müssen nicht mit denen des Patienten zusammenpassen.“

 Immer häufiger leiden die Patienten zusätzlich zur Sucht an psychischen Erkrankungen, die sie wiederum durch die Drogen selbst therapieren. „Das führt zu einem interessanten Phänomen: Einige sind pharmakologisch so gut aufgestellt, dass sie mit ihrem Wissen manchen Assistenzarzt glatt in den Schatten stellen.“ Mancher Patient kommt immer wieder. „Wenn wir kein Leben außerhalb der Klinik hätten, wäre es deprimierend. Aber wir treffen immer wieder Patienten, die es geschafft haben und die einen mit ‚Hallo Doc‘ begrüßen. Das freut einen dann“, sagt Zeidler.

 Ein Entzug fordert den Menschen einiges ab. „Als Faustformel kann man sagen: Es dauert so lange, aus einer Sucht zu kommen, wie es gedauert hat, in sie hineinzugeraten“, sagt Wiedereingliederungshelfer Kühn. Auf Uli P. wartet also eine Menge Arbeit. „Sucht ist immer ein natürlicher Teil meines Lebens gewesen“, stellt er fest. Wie soll es weitergehen? In der Sucht könne selbst ein Spaziergang zur Herausforderung werden, blickt der 56-Jährige zurück. Mit dem Griff zur Flasche sei es ihm zwar immer „sehr bescheiden“ gegangen. „Aber es war besser auszuhalten, als nüchtern zu sein.“ Und Alkohol, die legale Droge, sei überall zu bekommen.

 In der Ergotherapie beschäftigt Uli P. jetzt seine Hände, baut und bastelt, um den Kopf auf andere Gedanken zu bringen. „Ich vermisse es, dass ich geistig noch nicht wieder komplett leistungsfähig bin.“ Aber inzwischen erhole sich auch sein Gehirn langsam wieder. „Aus Spaß trinken die meisten hier nicht, sondern um kurzfristig vor etwas zu fliehen.“ Nachdenklich schaut Uli P. aus dem Fenster. Er habe keine Lust mehr, auf der Flucht zu sein.

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Ein Artikel von
Imke Schröder
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