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Von Inflation, Krieg und Messtechnik

Ernst Tode wird 100 Von Inflation, Krieg und Messtechnik

Ernst Tode hat in seinem langen Leben möglichst wenig dem Zufall überlassen. Das war so beim systematischen Wiederaufbau der Physik-Zentralwerkstatt an der Kieler Universität nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Und es ist bis heute so geblieben.

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Der Kieler Ernst Tode, der im Kaiser-Wilhelm-Stift lebt, feiert am heutigen Dienstag seinen 100. Geburtstag.

Quelle: Volker Rebehn

Kiel. Denn der ehemalige Feinmechanikermeister, der am heutigen Dienstag seinen 100. Geburtstag feiert, hatte sich auch für das Gespräch mit dem Reporter mit Notizen zu allen Lebenssituationen präpariert.

Als der Jubilar seine Erzählung beginnt, reisen wir ins Kiel der frühen 20er-Jahre. Die Zeit galoppierender Inflation. Der kleine Ernst begleitete seinen Vater regelmäßig zum Schaukasten der Kieler Neuesten Nachrichten. Die Information, die der Inhaber einer Schuhmacherwerkstatt dort suchte: Was ist das Geld heute wert? Maßstab dafür war der Dollarkurs. „In der schlimmsten Zeit entsprach ein Vierteldollar einer Billion Rentenmark“, erinnert sich Ernst Tode, „fast täglich musste mein Vater die Preise erhöhen.“ Ernst musste mitverdienen. Als Laufjunge lieferte er Kaffeepakete in Haushalte von Kiel bis nach Laboe aus, zu Fuß natürlich. „Der Vorteil war: Ich kannte jede Ecke der Stadt.“

1931 begann der damals 15-Jährige eine Ausbildung als Orthopädie-Mechaniker bei Green&Kurda in der Karlstraße, fertigte Holzbeine oder orthopädische Maßschuhe. 1936 wechselte er in den Rüstungsbetrieb Elac, um dort Horchgeräte für die Luftwaffe oder Unterwassertelefone für U-Boote zu produzieren.

An der Front die schwerste Zeit

Dann begann die schwerste Zeit seines Lebens. Nach Reichsarbeitsdienst und Sanitäterausbildung wurde Ernst Tode an die Ostfront geschickt. Was er 1942 bei dem von den Nazis als heldenhafte Kesselschlacht von Demjansk stilisierten Gemetzel erlebte, kann er bis heute nicht erzählen. „Das überspringen wir jetzt“, sagt er bestimmt und wischt sich eine Träne aus dem Gesicht. Dann bricht es doch aus ihm heraus: „Als Sanitäter hatte ich nichts, gar nichts. Noch nicht einmal Verbandsmaterial. Nur Morphium und Spritzen.“ Schwer verwundet wurde Ernst Tode von einer Ju52 aus dem Todes-Kessel geflogen und musste aufgrund seiner Verletzungen nicht mehr an die Front zurück.

Als der Feinmechanikermeister 1946 wieder bei der mittlerweile auf einen Bruchteil ursprünglicher Größe geschrumpften Elac einen Job bekam, fiel er Prof. Walter Lochte-Holtgreve auf, dem damaligen Direktor des Instituts für Experimentalphysik an der Christian-Albrechts-Universität. Der suchte zu dieser Zeit einen neuen Meister und Leiter der Physik-Zentralwerkstatt. Ganze 33 Jahre lang konstruierte und baute Ernst Tode Spezialanfertigungen für Versuchsanordnungen junger Physik-Doktoranden von Vakuumpumpen bis zu Spectographen zur Lichtanalyse. Außerdem bildet der Werkstattchef noch Feinmechaniker-Lehrlinge aus.

Besondere Verdienste erwarb sich der technische Zulieferer physikalischer Forschung beim Umzug der Uni-Physik vom Westring in die Leibnizstraße mit der Einrichtung einer großen Zentralwerkstatt dort Anfang der 1970er-Jahre. Die exakte Planung bei der Aufstellung des Maschinenparks löste bei der Abnahme durch die städtischen Behörden Erstaunen aus. „Der Prüfer bat sogar darum, dieses Musterbeispiel fotografieren zu dürfen. Na klar, durfte er.“

Ihn faszinierte alles Technische

Auch privat faszinierte Ernst Tode alles, was mit Technik zu tun hatte. Er baute Fernrohre zu Hause, bekam noch zum 80. Geburtstag seinen ersten Computer, zum 90. einen zweiten mit Internetanschluss. Doch jetzt ist kein Platz mehr für die moderne Technik in seinem kleinen Zimmer im Seniorenzentrum Kaiser Wilhelm I. Stift in der Kieler Stiftstraße.

Längst vorbei sind auch die Zeiten, als Ernst Tode alle zwei Jahre ein neues Auto kaufte. Das erste 1953 – ein VW für 250 Mark, mit dem er in einer Stadt ohne Ampeln herumfahren konnte. „Die einzige Ampel in Kiel steht in meiner Fahrschule“, habe ihm sein Fahrlehrer erklärt. Dem Reporter empfiehlt der Jubilar: „Schreiben Sie das mal auf, damit Ihre Leser was zu lachen haben.“ Mit einer schönen, alten Verabschiedungsformel beendet Ernst Tode die Schilderung seines Lebens: „Ich danke Ihnen, mein Herr, für das Vergnügen dieses Gespräches. Machen Sie einen schönen Text daraus.“ Der Reporter gelobt, sein Bestes zu geben.

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Ein Artikel von
Jürgen Küppers
Lokalredaktion Kiel/SH

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